Die rauen Regeln der Berge
Stolz und Ehre sind nicht dasselbe, ja nicht einmal das Gleiche: „Ehre besteht darin, das Richtige gut zu tun“, sagt Annino Mele. Ehre ruhe in sich selbst, während sich Stolz nach außen richte.
Ein feiner Unterschied, und dennoch spielte beides eine große Rolle im Leben des „Königs der Banditen“ Sardiniens, der 40 Jahre seines Lebens in Haft verbracht hat. Und im Leben derer, die in den Bergen Sardiniens, in der Barbagia, zu Hause waren und sind, Viehzucht und Landwirtschaft betreiben und eine Art Widerstand gegen den Rest Italiens und dessen Regeln – denn in den Bergen zählen die soziale Ordnung und die Regeln der Familie, sonst nichts. „In domo sua dontzunu es prus de su re“ (Im eigenen Haus steht jeder über dem König) lautet ein sardisches Sprichwort.
Dort ist Annino Mele aufgewachsen. Seinen Spuren ist der Journalist und langjährige Rom-Korrespondent Karl-Peter Schwarz nachgegangen. Er lernte Mele bei dessen letztem großen Prozess 1990 kennen, ließ ihm nach dessen Verurteilung zu lebenslang eine Schreibmaschine zukommen, mit der der Sarde alles aufschreiben sollte – es wurden sieben Bücher daraus. Mehr als drei Jahrzehnte später traf Schwarz Mele wieder, machte aus dessen bewegtem Leben ein Buch: „Der Bandit und der Heilige – ein Leben in Sardinien“.
Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der als Kind erleben musste, wie sein Vater nach einem Massaker an der Pilgerstätte San Cosimo wegen falscher Zeugenaussagen vier Jahre in U-Haft saß. Der den Beginn einer Fehde erlebte, wie sie in den Bergen Gesetz ist („Beleidigung muss gerächt werden. Der ist kein Ehrenmann, der sich der Pflicht der Vendetta entzieht“, Codex der Barbagia 1959). Der früh selbst in die Fänge von Polizei und Justiz geriet. Der sich ihr mehrfach durch Flucht in die Berge entzog, mit Entführungen berühmt und berüchtigt wurde.
Diese ohne Parteinahme erzählte Geschichte, verwoben mit der Geschichte der rauen Bergwelt Sardiniens und nebenbei der kriminellen Terrorära im Italien dieser Zeit – lesenswert!
Karl-Peter Schwarz: „Der Bandit und der Heilige“, Karolinger, 144 Seiten, 22 Euro
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