„Rheingold“ in Salzburg: Sternstunden der Gottheit
Es ist von musikalischen Sternstunden, zweieinviertel an der Zahl, zu berichten, wie sie sich schon lange nicht mehr ereignet haben. Kirill Petrenko, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, musizierte, zelebrierte, analysierte Richard Wagners „Rheingold“ mit seinem Orchester in der Salzburger Felsenreitschule.
Da müssen sich, sehr geehrte Damen und Herren in Wien, in Dresden, in München, also bei Wagner-affinen Klangkörpern, alle warm anziehen. Das ist große Klasse, was man da vernahm, obwohl die Berliner als Konzertorchester Opernausflüge ja nur in Ausnahmefällen unternehmen.
In den vergangenen 13 Jahren waren diese in Baden-Baden zu erleben, nun, an diesem historischen Datum, dem 27. März 2026, hat Osterfestspiel-Intendant Nikolaus Bachler wieder zusammengeführt, was zusammengehört. Die Berliner sind back, einstige Skandale rund um Untreue und andere Vorwürfe gegenüber der Festspielführung vergessen, die Kunst steht wieder im Mittelpunkt, was man in Zeiten wie diesen besonders betonen muss.
Klotzen statt kleckern heißt es bei der Rückkehr, es wird der „Ring des Nibelungen“ über die kommenden Jahre hinweg geschmiedet, größer geht’s nicht. Bei der Gründung der Osterfestspiele 1967 hatte Herbert von Karajan ebenfalls den „Ring“ angesetzt, allerdings mit der „Walküre“ begonnen, weil ihm „Rheingold“ alleine wohl zu klein war. So tickt Kirill Petrenko nicht, die Pose ist ihm fremd. Bei ihm ist der Vorabend per se ein meisterliches Ganzes. Und „Rheingold“ der „Ring“ im Kleinen, also die Essenz, die Verdichtung, der Fond der musikalischen Küche.
Es ist ein schöner Zufall (oder vielleicht auch keiner, sondern schicksalhaft im Wagner-Sinn), dass Petrenko ausgerechnet im Jahr 2013, als die Berliner erstmals in Baden-Baden statt in Salzburg Oper spielten, seinen ersten Bayreuther „Ring“ (nach Meiningen) dirigierte, Frank Castorf führte damals Regie. Jahrelang hatte Petrenko die Akustik des Festspielhauses davor studiert, von jedem einzelnen Platz im Auditorium aus, ein Streber im positivsten Sinn. Das Ergebnis war phänomenal. Diesmal ist es noch superlativischer, weil er das Orchester besser kennt, vielleicht auch, weil die Musiker den „Ring“ nicht so gut kennen, sich also von ihm als besten Lehrer in die Materie einführen lassen konnten.
Schon die 136 Es-Dur-Takte zu Beginn lassen in ihrer dramaturgisch mitreißenden Entwicklung erahnen, wie fabelhaft der Abend werden sollte. Petrenko beschenkt das Publikum in der akustisch dafür erstaunlich gut geeigneten Felsenreitschule mit einem Klangrausch, mit klug entwickelten Leitmotiven, die nie zum Selbstzweck werden, sondern stets dem Ganzen dienen, mit fein herausgearbeiteten Details in allen Instrumentengruppen, mit einzigartigen Zwischenspielen, einer phänomenalen Balance zwischen Intellektualität und Emotionalität. Sie merken schon: Man kommt aus dem Schwärmen kaum heraus – über den Dirigenten und auch über das Orchester.
Petrenko ist aber auch ein Meister der Sängerführung, des Interagierens mit der Bühne. So kommen sämtliche Protagonisten stets gut zur Geltung und entwickeln ihre Geschichte, statt sich nur auf stimmliche Dramatik fokussieren zu müssen. Hier wird gesungen, sehr schön sogar, und nicht gebrüllt. Allesamt sind Rollendebütanten, angefangen bei Christian Gerhaher, der den Wotan als schüchternen Denker anlegt, mit elegantem (für Wotan sehr hellen) Timbre und traumhafter Phrasierung. Er ist ein erstklassiger „Rheingold“-Wotan und klug genug, dass er den Göttervater in der „Walküre“ 2027 nicht singt.
Gihoon Kim (Donner) und Thomas Atkins (Froh) sind solide Götter an seiner Seite, Brenton Ryan besticht als Loge mit Spielfreude und toller sängerischer Gestaltung, ebenso wie Leigh Melrose als ausgezeichneter Alberich. Die Riesen (Le Bu als Fasolt, Patrick Guetti als Fafner) agieren mächtig, aber nicht orgelnd. Fricka (Catriona Morison), Freia (Sarah Brady), Erda (Jasmin White) und Mime (Thomas Cilluffo) sind ebenso gut besetzt wie die Rheintöchter.
Die Inszenierung von Kirill Serebrennikov ist dystopisch, archaisch und zeigt eine Welt, die entweder vor langer Zeit existierte oder nach einem Untergang so sein könnte. Hoffnung gibt es da nicht viel. Nibelheim ist eine ausgestorbene Gegend mit schwarzem Lavagestein, Alberich steht im Zentrum der ganzen Geschichte und wird als eine Mischung aus Diktator und Horrorclown gezeigt. Die Götter tragen weiße Gewänder und haben buddhistische Züge. Die Riesen wirken wie Urmenschen, es gibt viele afrikanische und arabische Symbole. Manche Sänger sind durch Schauspieler gedoubelt, Tänzer stellen die Allegorien und Metaphern dar, vom Riesenwurm und anderen Fabelwesen bis zum Ring.
Diese Optik – durch Bewegtbilder, die Serebrennikov in Island gedreht hat, überhöht – passt gut zu Wagner. Am besten sind die Details der Personenführung, die (vor allem in Nibelheim) Unterdrückung und Folter durch ein autoritäres Regime zeigen. Bei diesem „Ring“ geht es nicht um Geld und Kapital (also mit Managern im Anzug, wie so oft gesehen – gähn!), sondern um Macht. Das macht ihn so zeitgemäß.
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