Trotz Zensur: Russen stehen auf homoerotische Serie "Heated Rivalry"

Zwei junge Männer stehen nebeneinander in einem Flur, einer trägt ein T-Shirt und Shorts, der andere ein Hemd und helle Shorts.
Die Story um die russischen und kanadischen Eishockey-Profis Ilya und Shane und ihre Leidenschaft füreinander gehört zu den Hits auf Piratenseiten in Netz.

Legal ist es nicht, aber für viele Russen der einzige Weg: Auf Piratenseiten im Internet gehört der Serienhit "Heated Rivalry" aus Kanada, die ab Freitag auch in Österreich über HBO Max abrufbar ist, zu den beliebtesten Angeboten. Die Story um die russischen und kanadischen Eishockey-Profis Ilya und Shane, die in der Arena erbitterte Gegner sind und im Bett leidenschaftlich Zärtlichkeiten austauschen, ist der Renner im russischen Netz - trotz Zensur.

Zuschauer geben höchste Bewertungen ab, wie etwa auf dem Portal "Kinopoisk.ru" zu sehen ist. Dass ausgerechnet in einem Land, wo "nicht traditionelle" Sexualität geächtet wird, eine Serie auch Tabus der russischen Gesellschaft aufgreift, begeistert nicht nur Zehntausende Filmfreunde. Kommentatoren sehen darin auch einen Beweis, dass Verbote und die von Kremlchef Wladimir Putin gepflegte Politik der Bevormundung der Bürger mitunter ins Leere laufen.

Dass es um Eishockey geht, den in Russland heiligen und von rauem Männlichkeitskult geprägten Sport, macht die Sache zusätzlich pikant. Immerhin handelt es sich um eine von Putins Lieblingssportarten; der Kremlchef setzte sich immer wieder selbst in Szene beim Hockey. Aus russischer Sicht bietet die Serie aber weit mehr als das Hauptthema des Tabus von schwulen Sportlern im Profisport.

Serie bricht mit homophoben Klischees

Üblicherweise seien die in Russland beliebten Sportserien patriotisch ausgeschmückt, es gehe um Helden und Siege, sagt die Moderatorin Anna Mongait vom russischen Exilsender "Doschd". Aber diese Serie könne das russische Publikum schockieren, sagt sie und spricht von einer "Weltsensation". In sozialen Netzwerken gibt es erstaunte Reaktionen von Russen, die eine reine Eishockey-Serie erwartet haben – und dann sehen, wie das Eis schmilzt zwischen Ilya und Shane.

In den Kommentarspalten der Online-Kinoportale äußern sich besonders viele Frauen begeistert. Eine schreibt, sie sei wie "hypnotisiert" von der Chemie zwischen den beiden Jungs. Eine andere meint, das Thema "Verbotene Liebe" sei zwar nicht neu, aber hier besonders romantisch inszeniert.

Der russische Journalist Renat Dawletgildejew erklärt, dass wohl niemand in Russland über die Serie reden würde, wenn es nicht den "super sexy" Ilya gebe. "Ich musste immer wieder auf Pause drücken, um durchzuatmen, weil es so heiß hergeht", sagt er. Der Filme breche mit in Russland verbreiteten homophoben Klischees, dass nur Hetero-Männer Eishockey spielen könnten.

Scharfe Gesetze in Russland verbieten solche Inhalte

Dabei loben russische Zuschauer auch, dass die Serie teils nah an der russischen Realität sei - ohne die bei amerikanischen Filmen oft üblichen Klischees. Erinnert wird etwa, wie bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi westliche Sportler Angst hatten vor dem damals noch neuen Gesetz zum Verbot von "Homo-Propaganda", das lebensbejahende Darstellungen von gleichgeschlechtlicher Liebe unter Strafe stellt.

Seither gibt es viel schärfere Gesetze. Homosexuellen etwa, die als Aktivisten für Menschenrechte eintreten, droht eine Verfolgung als Extremisten und damit im Ernstfall auch Straflagerhaft. Die Jagd auf alles "Nicht-Traditionelle" kennt kaum noch Grenzen, obwohl Homosexualität selbst gar nicht verboten ist in Russland. Verlage stampfen Bücher ein, Buchläden nehmen Titel aus dem Programm, wenn in den Handlungen auch gleichgeschlechtliche Liebe vorkommt. Die Beispiele sind zahllos.

Aus was für einer kaputten Welt Ilya kommt, entdeckt der kanadische Eishockey-Spieler Shane Hollander (Hudson Williams) nur langsam - wie seine eigene Sexualität. Über Jahre kommunizieren die beiden Athleten in Chats per Telefon als Jane (Shane) und Lily (Ilya). Ilya Rozanov, den US-Schauspieler Connor Storrie teils mit sauberem Russisch spielt, ist hin- und hergerissen zwischen dem Leistungssport und dem rauen Alltag seiner Heimat. Sein Bruder nennt ihn "Pedik", eine Schwuchtel, nimmt ihn aus; auch sein Vater setzt Ilya zusätzlich unter Druck, bis eine Beerdigung in Moskau einiges ändert.

Organisation fordert Vorgehen gegen Serie

Zwar dreht sich die Serie vor allem auch darum, wie im Hochleistungssport homosexuelle Athleten um der Karriere Willen ihr wahres Ich unterdrücken. Aber in Russland verfängt besonders auch der Handlungsstrang um Ilya - und ruft nun zwangsläufig auch selbst ernannte Sittenwächter auf den Plan. Dabei würde niemand in Russland schon wegen der Gesetze, die das verbieten, die Serie offiziell zeigen. Wegen der Sanktionen sind westliche Streamingdienste zudem abgeschaltet.

Trotzdem fordert die ultranationalistische Bewegung "Sorok Sorokow" die Generalstaatsanwaltschaft und die für Zensur im Internet zuständige Behörde Roskomnadsor auf, "Heated Rivalry" in Russland zu verbieten. Der Anführer der Organisation, Georgi Soldatow, ein Aktivist der russisch-orthodoxen Kirche, warnt vor "offener Propaganda" von Homosexualität. Die Serie sei voll mit Sexszenen.

Und dann kommt er mit der in Russland auch von Putin verbreiteten und durch nichts belegten Behauptung, dass Homosexualität eine Ursache für die demografischen Probleme des Landes sei. "Schon jetzt übersteigen die Sterbezahlen die Geburtenraten, und wir erlauben noch, dass unsere Jugend solcher Propaganda widernatürlicher Perversion ausgesetzt ist", schimpft Soldatow. Dass viele Russen aus Sicht von Soziologen auch deshalb keine Kinder bekommen, weil sie weder eine Perspektive sehen in ihrem Land, noch Soldaten für Putins Krieg erziehen wollen, lässt er unerwähnt.

In den Foren auf den von Soldatow kritisierten Kino-Plattformen jedenfalls berichten Zuschauer, dass sie ganze Szenen inzwischen auswendig können, so oft haben sie "Heated Rivalry" schon geschaut. Und sie erzählen mit großer Vorfreude, dass sie die zweite Serienstaffel kaum erwarten können.

Kommentare