Romeo und Julia ohne Liebespaar in St. Pölten

Das Oper Ballet Vlaanderen mit einer Choreografie zu Prokojews "Romeo und Julia" von Marcos Morau im Festspielhaus St. Pölten.
Eine Person in dunkler Kleidung hält ein verziertes Schwert und blickt ernsthaft nach oben vor hellem Hintergrund.

Silvia Kargl

Marcos Morau zählt zu den angesagten Choreografen der Gegenwart. Als ausgebildeter Fotograf und Regisseur sorgt er für eine spezifische Bewegungssprache und für bildhafte Choreografien. Im Festspielhaus St. Pölten gastierte am Wochenende seine im Vorjahr entstandene Fassung von Sergej Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“.

Von William Shakespeares Vorlage bleibt nicht viel übrig, es gibt keine Rollen, erst recht kein tragisches Liebespaar. Für die Zukunft stehen Kinder, die am Anfang und Ende einen Kreis schließen. Was Morau interessiert, sind die Menschen, die Familienverbände der Montagues und Capulets, das Zustandekommen und Ausüben von Gewalt. Es gibt weder klassische Pas de deux noch große Soli, allenfalls treten einzelne Tänzerinnen und Tänzer des Oper Ballet Vlaanderen kurz aus der Masse hervor.

Die Klammer bildet Prokofjews Ballettmusik „Romeo und Julia“, die zu den bekanntesten des 20. Jahrhunderts zählt. Mit ihrer rhythmischen Struktur ist sie ideale Basis für Moraus Interpretation, sehr gut gespielt vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Gavin Sutherland, der Ende März beim Wiener Staatsballett in der Staatsoper debütieren wird.

Tragisch aktuell

Nahezu tragische Aktualität erhält die Aufführung durch kürzlich veröffentlichte Berichte, wonach das Museum im Geburtsort Prokojews, Sonzowka im Oblast Donezk in der Ukraine, von russischen Besatzern geplündert wurde. Sehr dunkel bleibt es auf der Bühne während des ganzen Stücks, alle tragen schwarze Unisex-Kostüme mit weit ausgestellten Röcken und manchmal mit Rüstungscharakter.

Moraus Choreografie ist stark vom Ausdruck der Körper geprägt, changiert zwischen Trauer, Rache, Wut, Empörung und Wehmut. Die Bewegungen sind abgehackt, Arm – und Handbewegungen wirken oft wie vom Körper losgelöst. Es geht nicht mehr um die Dialektik von Gut und Böse, hier hat das Böse schon die Herrschaft.

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