Tino Sehgals "This Variation“: Ein außergewöhnliches Erlebnis, das gleich wieder zerfällt

Tino Sehgals „This Variation“ erstmals in Österreich.
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Von Silvia Kargl 

Tino Sehgal ist bekannt für außergewöhnliche Arbeiten an der Schnittstelle von bildender Kunst und Choreografie. Er nennt sie „konstruierte Situationen“ und verweigert sich vielen mit der Kunst verbundenen Normen.

Sehgal reist nie per Flugzeug zu seinen Ausstellungen und Performances, der studierte Tänzer und Ökonom verzichtet auf gedruckte Programmzettel, vermeidet Abfälle und Müll, und er verweigert auch das Fotografieren seiner Stücke. Dafür bekommt sein Publikum ein unvergleichliches Live-Erlebnis, das spontan entsteht und sogleich wieder zerfällt.

Erstmals ist mit „This Variation“ eines seiner bekanntesten Stücke, konzipiert für die Kunstmesse documenta 13 (2012), in den Tanzquartier Studios in Österreich zu sehen. Bevor man dieser Variation begegnet, muss man sich auf einen ungewöhnlichen Raum einlassen und sich auf unvertrautes Terrain begeben, ist dieser Raum doch völlig abgedunkelt.

Zusammenstöße

So tapste auch die Autorin dieser Zeilen ins Dunkel, die ersten Minuten vor allem mit der Suche nach einem eigenen Platz beschäftigt. Ein bisschen wie im Autodrom von Menschen, stößt man doch des Öfteren mit anderen zusammen, sie können Publikum oder Performer sein. Die erste Überraschung: Es geht dabei nicht um Berührungen, schon gar nicht um Angstzustände, alle bewegen sich mit Vorsicht durch den Raum, als ob die Mitmenschen zerbrechlich wären oder umfallen könnten.

Überraschung zwei: Während Ihre zur Vorsicht neigende Autorin das Gefühl hatte, nur wenige Schritte der Wand entlang gemacht zu haben, stellte sich bei einer kurzen Lichtphase heraus, dass sie fast ans Ende des Raumes gelangt war. Und in dessen Mitte stand.

In diesem Setting erfolgt die Berührung auf der Ebene von Wahrnehmung, wird die Unmittelbarkeit der Vermittlung körperlich fassbar.

Schemenhaft zeichnen sich die Körper ab, die zehn Performer summen und singen durch den Raum, ihre Präsenz und auch ihre Energie stecken an, sogar tänzerische Sequenzen lassen sich nicht zuletzt durch rhythmische Strukturen empfinden, das Atmen wird hör- und spürbar. Die Performer lassen auch kurze Texte einfließen, die entweder aus dem Bereich der Ökonomie kommen oder persönliche Erlebnisse aufgreifen. „It is time to get away“ flüstern sie am Ende, wie gewonnen, so ist diese bewegende Lehrstunde der Performance schon wieder zerronnen.

Und natürlich entzieht sich Tino Sehgals Arbeit einer Punkte-Bewertung.

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