Richard Linklater über Ethan Hawke: Geschrumpft mit Halbglatze

„Before Sunrise“-Regisseur Richard Linklater schrumpfte seinen Star-Schauspieler Ethan Hawke in seiner Hommage an Larry Hart, Autor des berühmten Songs „Blue Moon“.
Margaret Qualley und Ethan Hawke.

Man muss schon zweimal hinschauen, bevor man Ethan Hawke erkennt. Geschrumpft auf 1,52 Meter Körpergröße und mit einer Stirnglatze, über die sich ein Flor dünnes, schwarzes Haupthaar quergelegt hat, sieht er höchst ... gewöhnungsbedürftig aus.

Ethan Hawke verkörpert Lorenz „Larry“ Hart, den Textautor des berühmten Broadway-Songwriting-Duos Rodgers und Hart. Zu den berühmtesten Songs der beiden zählen „My Funny Valentine“, „The Lady Is a Tramp“ oder eben „Blue Moon“ – der Filmtitel von Richard Linklaters gleichnamiger Theater-Hommage „Blue Moon“ (derzeit im Kino).

„Blue Moon“ erzählt von einem unglücklichen Moment in Larry Harts Leben. Erstmals, nach 25 gemeinsamen kreativen Jahren, hat sein Partner, der Komponist Richard Rodgers, mit jemand anderem zusammengearbeitet. Der neue Textautor ist der heute weltweit berühmte Oscar Hammerstein. Das erste Bühnenmusical „Oklahoma!“ von Rodgers und Hammerstein wird zu einem durchschlagenden Erfolg, revolutioniert das Broadway-Musical und ist der Beginn des legendären Duos Rodgers und Hammerstein.

„Blue Moon“ spielt an jenem fatalen Premierenabend 1943, an dem Larry Hart Zeuge des Durchbruchs seines Ex-Partners wird und mit sicherem Instinkt weiß, dass seine eigene ruhmreiche Zeit zu Ende geht – und dass er von jemand anderem ersetzt wird. Emotional und körperlich angeschlagen (Hart kämpfte mit Alkoholismus), lehnt Larry gekränkt an der Bar, saugt an seiner Zigarre, schüttet Whiskey in sich hinein und redet ohne Unterlass – über Gott, die Welt und die Kunst: „Ich habe ein paar Songtexte geschrieben, die dem Tod ein Schnippchen schlagen werden.“ Und über seine Bewunderung für eine junge Künstlerin namens Elizabeth (Margaret Qualley).

Bester Songwriter

Richard Linklater liebt das Goldene Zeitalter der Musicals von Rodgers und Hammerstein, zu deren größten Hits „Der König und ich“ und „The Sound of Music“ zählen: „Damit bin ich aufgewachsen“, erzählt der US-Regisseur im Round-Table-Gespräch mit dem KURIER und anderen Medien: „Die Musicals von Rodgers und Hammerstein waren unglaublich erfolgreich.“ Erst später, als er älter wurde, habe er die gemeinsamen Arbeiten von Rodgers und Hart entdeckt – „und jetzt liebe ich die Songs von Larry Hart aus den 1930er- und 40er-Jahren umso mehr. Sie haben etwas ganz besonders Ergreifendes. Insofern war es toll für mich, einen Film über Larry Hart, den besten Songwriter aller Zeiten, zu machen.“

Richard Linklater.

Regisseur Richard Linklater liebt den Song „Blue Moon“.  

Und vielleicht auch den traurigsten. Ängstlich gratuliert er bei der Premierenparty dem umjubelten Richard Rodgers – gespielt von Andrew Scott – und fabuliert etwas von einer strahlenden, gemeinsamen Zukunft.

Richard Rodgers bleibt zurückhaltend, nicht nur wegen Harts Alkoholproblemen. „Larry Hart weiß, dass seine beste Zeit vorbei ist, auch wenn er es nicht zugibt“, sagt Linklater: „Er weiß es, und Richard Rodgers weiß es auch. Der Geschmack des Publikums hat sich geändert, die Musik hat sich verändert. Als die Beatles kamen, brachten sie auch einen neuen Stil mit, der manche ihrer Vorgänger aus dem Rennen warf. Auf einmal sind gewisse Künstler Schnee von gestern. Und Hart ist smart genug, das zu erkennen. Er wird Zeuge seines eigenen Untergangs. Und das ist sehr berührend. ,Blue Moon‘ ist ein Trennungsfilm zweier Künstler.“

Andrew Scott (li.) und Ethan Hawke.

Trennungsfilm: Andrew Scott (li.) als Richard Rodgers, Ethan Hawke als Larry Hart in "Blue Moon"

Wenn es jedoch eine bewährte Langzeitbeziehung zwischen zwei Künstlern gibt, dann die zwischen Richard Linklater und Ethan Hawke. 30 Jahre ist es her, seit sich Ethan Hawke in Linklaters Wien-Romanze „Before Sunrise“ in eine französische Touristin (Julie Delpy) verliebte und eine Nacht lang mit ihr durch die Stadt spazierte: „Heute könnte ich so einen Film nicht mehr drehen“, seufzt der 65-jährige Texaner: „Anstatt sich nach einem halben Jahr wieder auf dem Wiener Westbahnhof zu verabreden, würden sie einfach facetimen. Diese Art von Old-School-Romantik gibt es nicht mehr.“

Kopfrasur

Was das skurrile Aussehen seines Paradeschauspielers Ethan Hawke in „Blue Moon“ betrifft, verweist Richard Linklater auf die „gute, alte Bühnenkunst: Wir haben keinerlei digitale Tricks angewendet. Es ist alles handgemacht. Ethan musste sich den Kopf rasieren und die Haartolle legen. Das sah sehr komisch aus. Wir drehten 15 Tage in einem Raum. Das klingt einfach, war es aber schon allein aufgrund des Größenunterschieds nicht.“

Ohnehin versteht Richard Linklater sein „Blue Moon“ nicht als Bio-Pic, sondern als Schlaglicht auf die Realzeit im Leben eines Mannes, der einen Meilenstein der Musikgeschichte beobachtet, an dem er selbst nicht mehr teilhat: „Was bleibt, ist der Schrei in die Nacht von einem Künstler, der sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst ist.“

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