Raphaël Pichon und Pygmalion: Atemberaubende Leidensgeschichte

Der französische Dirigent und sein Ensemble brillierten mit Bachs „Johannespassion“ im Wiener Konzerthaus
FRANCE-OPERA-FESTIVAL-PORTRAIT

Der 1984 in Paris geborene Franzose Raphaël Pichon zählt zu den herausragendsten Interpreten, wenn es um historisch informierte Aufführungspraxis geht.

Er war ein Bub von neun Jahren, als er in einem Knabenchor zum ersten Mal mit Johann Sebastians Bachs Polyphonie in dessen „Johannespassion“ konfrontiert war. Dieses Erlebnis löste bei ihm einen Schock aus. Bach ließ ihn fortan nicht mehr los.

Bereits während seines Studiums am Pariser Conservatoire gründete er sein Pygmalion-Ensemble, ein Orchester, das auf historischen Instrumenten spielt, mit zugehörigem Chor. Mit dieser Formation löst er diesen Schock jetzt selbst aus.

Wie, war im Wiener Konzerthaus bei der Aufführung von Bachs „Matthäuspassion“ zu erleben. Mit dem Orchester hob er im abgedunkelten Saal an. Die Solisten formierten sich hinter den Musikerinnen und Musikern. Die Sängerknaben (sehr gut einstudiert von: Johannes Pell) waren am Orgelbalkon platziert. Lautlos war der Chor in den Saal eingezogen, hob das „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen…“ an, agierte mit dem Ensemble auf der Bühne wie in einem Zwiegespräch.

Absolute Klarheit

Im Singen schritten die Damen und Herren auf die Bühne. Pichon setzte auf absolute Klarheit und führte atemberaubend durch die Partitur. Mit deutlichen Generalpausen wie etwa nach Jesu Schweigen vor dem Hohepriester erhöhte er sublim die Spannung ins Unermessliche.

Die Klangbalance und die Tempi waren explizit austariert. Mit Bedacht etwa formte er den Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“. Die Solisten agierten wie in einer halbszenischen Aufführung, wechselten die Positionen, agierten miteinander und mit dem Dirigenten.

Julian Prégardien bestach als Evangelist mit seiner markanten Tenorstimme, intonierte mit Intensität, Ausdruck und vermittelte, dass seine Figur selbst am Leiden Christi Anteil nahm. Stéphane Degout intonierte den Part des Jesus subtil mit nobler Zurückhaltung. Lucile Richardot ragte mit ihrem prächtigen Alt aus dem Solisten-Ensemble großteils markanter Stimmen heraus. Ovationen.

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