Kunst am Bau und über Gebäude, mit Seziermesser statt Abbruchbirne

Im Wiener MQ wirft Andreas Fogarasi analytische Blicke auf Baumaterialien. Dazu lässt er Logos von ORF und ÖBB im Wind wehen.
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„Wir bauen Häuser. Wir nehmen sie auseinander.“

Der Slogan, der auch für ein Bau- und Abbruchunternehmen stehen könnte, wirkt im „Freiraum“ des Wiener Museumsquartiers zunächst deplatziert. Doch der Spruch ist das Motto einer Gruppenausstellung, die der Künstler Andreas Fogarasi gestaltet hat: Als Vertreter einer Kunstpraxis, die das Verhältnis von Architektur, Wirtschaft und Politik genau unter die Lupe nimmt, hat der Wiener mit ungarischen Wurzeln Geistesverwandte um sich geschart – aus Österreich, aber auch aus Spanien, den USA, Tschechien und der Ukraine.

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An einem Kiosk hat etwa Daria Koltsova aus Charkiw Postkarten gegen bunte Glasplatten getauscht, die an Kirchen und Haustüren, aber auch an Landschaften in ihrer Heimat erinnern. Die Gruppe Little Warszaw goss eine Fassade mit einem Soldatendenkmal in Silikon ab: Die kriegerische Figur hängt nun wie ein Sack im Raum.

Material Girls (and Boys)

„Es gab in meiner Generation eine kollektive Hinwendung zum Material und zu einer kritischen Auseinandersetzung damit“, sagt Fogarasi beim Gespräch an seiner Arbeitsstätte im 10. Bezirk. „Wir wurden eigentlich als Künstler ohne Ateliers ausgebildet – die Vorstellung war, man hat Ideen, entwickelt sie, beauftragt Firmen mit der Ausführung. Doch viele von uns sitzen jetzt in Ateliers und stellen Dinge her.“

Fogarasi selbst ist in der Schau mit einem jener Materialpakete präsent, die in den vergangenen fünf Jahren zu einer Art Markenzeichen geworden sind: Der Künstler schnallt dabei ein Relikt eines abgerissenen oder umgebauten Gebäudes – in diesem Fall ist es ein Stiegenhausfenster eines Gründerzeitbaus aus dem 7. Wiener Bezirk – mit einem Materialstück jenes Gebäudes zusammen, das anstelle des Alten entstanden ist. Die Objekte haben das Format von Gemälden und sind gewissermaßen Porträts.

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„Ich bin gleichzeitig ein Formalist und ein Dokumentarist“, sagt Fogarasi. „Das ist nicht so einfach miteinander zu verschränken, aber ich hoffe, dass es mir gelingt.“

Die Wertung, ob nun das Alte oder das Neue schöner oder besser sei, will Fogarasi explizit aus seinen Werken heraushalten. „Es gibt heute oft einen verklärten Blick auf die Vergangenheit, in dem so ein Hass auf die Moderne mitschwingt“, sagt er. „Es wird komplett ausgeblendet, wie es dazu kam – etwa, dass es einen Krieg gab, und dass danach Wohnraum für Millionen geschaffen wurde.“

Die (auch) bauliche Rekonstruktion einer Vergangenheit, die es so nie gab, ist ein Projekt autoritärer Regierungen – in den USA, wo Präsident Donald Trump neoklassische Architektur für öffentliche Bauten anordnete, wie auch in Ungarn, wo Viktor Orbáns Regierung einen in der Nachkriegszeit gebauten Flügel der Budapester Burg durch eine historische Rekonstruktion ersetzen lässt.

Wien–Budapest–Wien

Fogarasi, dessen Eltern Ungarn im Jahr 1956 verließen, wurde in Wien geboren, hatte aber über Verwandte eine beständige Verbindung zum Nachbarland. 2007 wurde sein Vorschlag für den ungarischen Pavillon der Venedig-Biennale ausgewählt, er erhielt sogar einen Goldenen Löwen. Nach wie vor stellt Fogarasi in Ungarn aus, der Orbán-Regierung steht er kritisch gegenüber.

CEU Entwurf Andreas Fogarasi

Der vom Investor George Soros gegründeten, auf politischen Druck nach Wien übersiedelten „Central European University“ (CEU) fühlt sich Fogarasi jedoch verbunden. Kürzlich erhielt er den Auftrag, die Fassade des Uni-Gebäudes in Wien-Favoriten neu zu gestalten. „Mein Projekt sieht vor, die Fassade des Häuserblocks der CEU in Budapest auf die Glasfassade des Wiener Gebäudes zu übertragen“, erklärt er. In der Erdgeschoßzone werden dazu schemenhaft Figuren mit Transparenten zu sehen sein: eine Erinnerung an 2017, als Tausende in Solidarität mit der CEU für die akademische Freiheit demonstrierten.

Logo, No Logo

Fahnen und Transparente nutzt Fogarasi auch für ein weiteres Werk: An der Wiener Stubenbrücke hat die Initiative „Museum in Progress“ vier Flaggen angebracht, auf denen wohlbekannte Bildmarken zu sehen sind – jene der AUA, der ÖBB, des ORF sowie das Logo der „Made in Austria“-Kampagne. 

Museum in Progress Raising Flags

Allerdings ist keines der Zeichen noch in Verwendung. Für den Künstler lässt sich auch daran ein Wandel ablesen – im Verhältnis zwischen Staat, Bürgern und Unternehmen.

Wie bei den Baumaterialien möchte er „einen genauen Blick vorleben“, sagt Fogarasi. Er fordert auf, zu fragen, warum Dinge so sind, wie sie sind. „Und ich behaupte, dass einem dieser Blick auch breiter gesehen dienlich ist.“

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