Verurteilt, weil sie überlebte: Marina Vujčićs Bestseller "Sicheres Haus"

Die kroatische Autorin landete mit einem Roman über eine Frau, die ihren Mann in Notwehr umgebracht hat, einen Überraschungserfolg.
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Ein feiner Herr war er. Universitätsprofessor. Grüßte immer freundlich im Stiegenhaus. Sie hingegen, na ja. Seltsam kam sie einem vor. Der Blick immer gesenkt. Nie sah man sie mit ihrem Kind auf dem Spielplatz. Eine Tragödie jedenfalls, das Ganze, sind sich Nachbarn und Fernsehreporter einig.

Ebenso einig sind sie sich, dass hier etwas Ungeheuerliches passiert ist. Eine junge Frau hat ihren Mann, den Vater ihrer vierjährigen Tochter, umgebracht. Erstochen. In einem ruhigen Wohnviertel in Zagreb. Der Schauplatz soll einem Blutbad geglichen haben. Dass es Notwehr war, will kaum einer glauben. Schließlich war der Mann ja Universitätsprofessor. Ein angesehener Mensch. Von so einem kann man sich nicht vorstellen, dass er seine Frau jahrelang gequält, geschlagen, missbraucht, mit Umbringen bedroht haben soll.

Die kroatische Autorin Marina Vujčić erzählt in ihrem Roman „Sicheres Haus“ von Lada Lončar, die ihren Ehemann getötet hat. Lada sitzt im Frauengefängnis. Erst hier, unter anderen Verurteilten, findet sie ein „sicheres Haus“, nachdem sie jahrelang versucht hat, der Gewalt in ihrem gutbürgerlichen und trotzdem lebensgefährlichen Zuhause zu entkommen.

Wer ist hier das Opfer?

Mehrere reale Fälle und die Art und Weise, wie Medien mit ihnen umgingen, waren Vorbild für den Roman, erzählt Marina Vujčić im Gespräch mit dem KURIER. Die öffentliche Meinung sei hier oft vorverurteilend: „Egal, ob es um Femizide oder um Notwehr einer Frau nach häuslicher Gewalt geht, die Frau ist immer schuld. Frauen werden von der Öffentlichkeit bereits verurteilt, bevor es ein Gericht tut. Wenn eine Frau umgebracht wird, ist sie schuld, weil sie den Mann dazu gebracht hat. Wenn sie überlebt, weil sie sich wehrt, ist sie erst recht schuld.“ Sie hätte sich eben den falschen Mann ausgesucht, heißt es dann, sie hätte früher gehen müssen.

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Beispielgebend ist etwa der Fall Magaš. Die in Kroatien berühmte Geschichte einer Frau, die ihren Mann nach jahrelanger Gewalt in Notwehr tötete. „Jeder in Kroatien kennt Ana Magaš’ Namen. Aber keiner kennt die Namen der Männer, die allein im vergangenen Jahr 19 Frauen umgebracht haben“, sagt Vujčić. Der Fall Ana Magaš, aber auch andere, ähnliche Fälle waren ihr Inspiration. Sie recherchierte in Gefängnissen, sprach mit Frauen, die zu Täterinnen wurden, weil sie nicht mehr Opfer sein wollte. „Es war schwierig. Die Frauen schämten sich dafür, was ihnen angetan wurde.“

Im Gespräch mit sich selbst

Ihre Protagonistin Lada Lončar erzählt aus dem Gefängnis heraus. Sie richtet ihre Worte an sich selbst: „Wenn du an ihn denkst, ist er für  dich  noch immer präsent, und du hast immer noch Angst vor ihm, als hätte er dir die Angst testamentarisch hinterlassen.“ 

In Rückblenden erfahren wir von einer hübschen, aber unsicheren  jungen Frau, die sich von den überschwänglichen Komplimenten ihres Universitätsprofessors verführen lässt. Dass er, ein allseits bewunderter Wissenschafter, sich ausgerechnet für sie interessiert, ist geradezu unwiderstehlich. Sie fühlt sich geschmeichelt. „Gewalttäter können die Unsicherheit ihrer Opfer riechen“, sagt Lončar. Lada lässt sich verführen, einfangen, einsperren.  Die Schlinge zieht sich schnell zu. Das erste Mal flippt er aus, weil sie eine Viertelstunde zu spät nach Hause kommt. Er rechtfertigt seinen Wutanfall mit Angst um sie. Bald verbietet er ihr, sich zu schminken, sich hübsch anzuziehen und letztlich sogar, sich zu duschen, wenn sie außer Haus geht. Für wen duscht sie denn, wenn nicht für ihn?

Scheidung? Eher nicht

Lada kann nicht fort, sie hat ein Kind von ihm, ihre Eltern finden, sie solle froh sein, dass sie mit dem erfolgreichen Mann eine so gute Partie gemacht habe. Lange Zeit glaubt sie selbst, wenn sie sich wohl verhält, könne sie seiner Wut entkommen. Ein Irrtum, für den sie um ein Haar mit dem Leben bezahlt.

Scheidung, sagt Vujčić, sei heute noch ein heikles Thema in Kroatien. Dass sie einen wunden Punkt in der Gesellschaft getroffen hat, zeigt der enorme Erfolg ihres Buches. Es liegt in Kroatien bereits in der vierten Auflage vor, ein Theater in Zagreb plant gerade eine Bühnenfassung.

Marina Vujčić war selbst nicht klar, wie tief in alle Gesellschaftsschichten ihr Thema hinein geht. „Einige meiner Freundinnen – Frauen aus den Bereichen Kultur, Medien, Theater, emanzipierte Frauen – erzählten mir, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und viele, viele Frauen schreiben mir, um sich zu bedanken. Sie sagen mir, sie schämen sich nicht mehr. Erst, seit ich dieses Buch geschrieben habe, weiß ich, dass das jeder Frau passieren kann.“

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