Angelika Hager: "Zur schriftstellerischen Ausbeutung ist Glück leider ungeeignet"
Journalistin und Autorin Hager ist eine scharfe, pointenreiche Beobachterin.
KURIER: Ist „Polly Adlers“ KURIER-Kolumne denn wirklich schon 30 Jahre alt?
Angelika Hager: Ich fürchte ja, 15 vor Christus hat es begonnen (lacht).
Wie oft ist jemand enttäuscht, dass Polly Adler ganz anders aussieht als Sie?
Mittlerweile wissen es die Leute schon. Der -Gründer und damalige Chefredakteur Michael Horowitz hat zu mir gesagt: „Hager, du hast die einmalige Chance, dass du dir aussuchen kannst, wie du ausschaust.“ Der so schmerzlich vermisste Horowitz war eine prägende Figur für meine Karriere, später wurde auch eine Freundschaft daraus. Er war der Erste, der mir diesen „Spielplatz“ zur Verfügung gestellt hat. Dafür bin ich ihm endlos dankbar. Ich finde es angenehm, mich hinter dieser Ich-Filiale verstecken zu dürfen.
Hieß die Kolumne von Beginn an „Chaos de Luxe“?
Ja, der Name stammt von einer New-Wave-Band der Achtzigerjahre. Ich bin leider auch selbst ein chaotischer Mensch. Die Person Polly Adler gabs wirklich: Sie war eine russisch-jüdische Einwanderin, die im New York der Zwanzigerjahre ein legendäres Bordell betrieben hat, wo viele Berühmtheiten ein- und ausgingen. In der Prohibitionszeit hat sie meiner Schutzheiligen und Lieblingsschriftstellerin Dorothy Parker im Hinterzimmer ihres Etablissements Whiskey aus dickwandigen Kaffeetassen serviert.
In Ihren Geschichten steckt viel Biografisches, oder?
Ich ertappe mich sogar manchmal dabei, Dinge zu tun, weil ich mir denke, ich könnte eine Kolumne draus basteln. Natürlich beobachte ich auch, was im Leben meiner Freunde passiert und sperre die Ohrwascheln in der U-Bahn auf als eine Art Audioyeur.
Durchgehendes Motiv ist bei Ihnen, das Scheitern mit Schmäh zu meistern.
Diese Lebensweisheit musste ich mir unter Schmerzen antrainieren: dass man aus jeder Situation mit nur ganz wenigen Ausnahmen Ironie, am besten Selbstironie ziehen kann. Was hat man sich bloß alles angetan aus Liebeskummer!
Haben Sie eine Happy-End-Allergie?
Zur schriftstellerischen Ausbeutung ist Glück leider völlig ungeeignet, weil für Außenstehende nichts langweiliger ist als eine glückliche Beziehung.
In Ihrem Krimi-Debüt gibts einen skurrilen Anschlag auf den Opernball. Welche Beziehung haben Sie zum Ball?
Ich schaue mir die Übertragung gerne mit Freundinnen an. Dann sitzen wir im entwürdigenden Lounge-Outfit vor der Glotze und „bitchen“ über die Ballkleider. Dort tummelt sich ein Abbild der österreichischen „Seitenblicke“-Gesellschaft, die schon Glamour, aber auch ein bissl was Provinzielles und Operettenhaftes hat. Wie Falco einmal so treffend formulierte: besser neureich, als nie reich. Der Treibstoff dieser Society ist die Eitelkeit. Natürlich ist es ein schwerer Schlag für den Opernball, dass ein so erfrischend skurriles Original wie Richard Lugner nicht mehr da ist.
Mussten Sie selbst beruflich auf diesen Ball gehen?
Nein, Gott sei Dank nicht. Ich bin keine Ballgeherin, völlig tanzunbegabt, mich schrecken Hochsteckfrisuren. Die klassische Klatschreporterin, wie sie die Polly in dem Krimi verkörpert, ist ja inzwischen durch die Sozialen Medien obsolet geworden. Deswegen ist sie auch dann arbeitslos. Solche Typen wie der Baby Schimmerlos aus der TV-Serie „Kir Royal“ waren natürlich so skrupellos wie amüsant.
Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit Angelika Hager
Mögen oder hassen Sie die Wiener Gesellschaft?
Ich mag diese Gesellschaft, weil sie auch was Drolliges und Herzerfrischendes hat und hoffe, sie in dem Krimi mit einer gewissen zärtlichen Zuwendung zu beschreiben. Offenlegen ja, bloßstellen nein.
Wie kamen Sie auf den „Schwimmenden Salon“ in Bad Vöslau?
Ein Mineralwasserkonzern lud mich ein, einen Roman zu schreiben, der im Vöslauer Bad spielt. In diesem Schreibsommer vor Ort entstand die Idee. Der Beginn war nicht einfach, weil der Gedanke, in einem Bad aufzutreten, für manche Künstler ein bisschen abschreckend war. Aber durch meine Freundschaften mit Maria Happel, Philipp Hochmair, Stefanie Reinsperger und Roland Koch hat sich ein Künstler-Klüngel gebildet – heuer kommen prominente neue Namen dazu.
Haben Sie noch immer das Gefühl, dass der Feminismus „auf die Schnauze gefallen“ ist, wie Sie 2014 formulierten?
Ja, immer mehr. Schauen wir uns doch nur die republikanischen „Barbies“ wie Erika Kirk, Trumps Sprachrohr Karoline Leavitt oder die „Tradwives“ an, die Millionen von Followern ködern. Mit softer Stimme erklären sie dir, wie toll es ist, um sechs Uhr früh für den Gatten noch schnell eine Avocado-Palatschinke zu zaubern. Mein Buch „Schneewittchenfieber“ hat 2014 den Trend quasi vorweg beschrieben.
Wird die Gesellschaft spießiger? Wo sind die rauschenden Partys geblieben?
Ja. Jetzt gehen die Jungen zu „Soft Clubbings“ und trinken Matcha statt Alkohol. Ich bin ein Kind der Achtziger und Neunziger, da ist es anders zugegangen, was natürlich nicht immer ganz gesund war. Ich begrüße ja „Me too“, die entsprechende Wachsamkeit und eine diverse Gesellschaft. Aber jetzt schlägt das Pendel mit der Cancel-Culture-Übertriebenheit in eine spaßbefreite Radikalität um. Und links wie rechts schwindet die Toleranz für andere Meinungen.
Heikle Frage: Könnte die zunehmende Unterwürfigkeit der Frauen auch mit Zuwanderung zu tun haben?
Natürlich importieren wir auch ein Konzept von einem Frauenleben, das schwer rückschrittlich ist. Daher sind die Wertekurse sehr, sehr wichtig. Aber Österreich ist auch ohne Zuwanderer ein feministisches Entwicklungsland.
Wie gehts den Männern?
Es ist für junge Männer schwer geworden, Männlichkeit zu definieren – und auch für uns Frauen, wie wir uns Männlichkeit wünschen. Die rund Dreißigjährigen sind die „Generation Unentschlossen“. Selbst wenn man eine Beziehung hat, bleibt man auf Dating Apps. Auch bei Beruflichem bleiben viele unentschlossen. Mein Lieblingssatz in diesem Zusammenhang ist: „Ich möchte vielleicht einmal etwas mit Kreativität machen.“ Chillen ist das Wichtigste, und ich halte manche dieser Generation auch für total überempfindlich.
Lernen Sie auch etwas von der Generation Ihrer Tochter?
Sie sind weniger beziehungsfixiert, Freundschaften sind fast bedeutsamer als klassische Paarbeziehungen. Und sie flitzen in der Weltgeschichte herum, was durch Remote-Arbeiten natürlich einfacher ist.
Welche Interviewpartner haben Sie beeindruckt?
Hildegard Knef, eine preußische Soldatin von großem Witz, Udo Jürgens, Falco, Niki Lauda, Jack Nicholson, Norman Mailer, Patricia Highsmith. Jetzt jammere ich ein bisschen wie eine Veteranin, aber so exzentrische Originale sind leider selten geworden.
Krimi-Autorin Hager:
Angelika Hager ist Profil-Ressortleiterin für Gesellschaft, KURIER-Kolumnistin, Autorin zahlreicher Bücher und "Bühnen-Rampensau". Der Polly-Adler-Krimi „Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade“ führt in die Abgründe der Wiener High Society und auf einen von Anarchisten gestürmten Opernball. Am 8. 2. performen Stefanie Reinsperger, Sona MacDonald und Sebastian Wendelin eine Tour de Force durch den Krimi (11 Uhr). Am 14. 2. gibt es mit Sigrid Hauser und Sona MacDonald das Valentins-Special „Küss mich, Toxischer“ (20 Uhr). Beides im Rabenhof.
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