Phönix Theater Linz: Turbulente Revue der „lebenden Toten“

Die Tragikomödie „Wölfe, Lämmer, Polaroids“ von Josef Maria Krasanovsky wurde in Linz uraufgeführt.
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Von: Werner Rohrhofer

Es ist eher ungewöhnlich, wenn vor einem Theaterabend ein Schauspieler auftritt und dem p. t. Publikum mitteilt: „Sie alle sind tot!“ Aber das sei eine „Gemeinsamkeit“ mit dem Ensemble!

So beginnt die Tragikomödie „Wölfe, Lämmer, Polaroids“ des österreichischen Autors Josef Maria Krasanovsky (Jahrgang 1976), die am Donnerstag im Linzer Theater Phönix ihre Uraufführung erlebte. Eine turbulente und opulente Revue der „lebenden Toten“ vor dem Hintergrund der heutigen Realität.

Ist der derzeitige Zustand der Welt – im Großen und bis hin zur Familie – eine Multikrise oder eine Multichance? Dazu der bei der Premiere anwesende Autor: „Alles, was wir als Gesellschaft definiert haben, wird neu verhandelt, es ist die Zeit der großen Fragezeichen.“ Im Stück versucht eine Schauspieltruppe, diese Fragezeichen mit den Mitteln des Theaters aufzuzeigen und Antworten zu generieren. Die vorerst leere Bühne füllt sich im Laufe der eineinhalb Stunden immer mehr mit Requisiten unterschiedlichster Art, aber nichts davon hat wirklich Sinn und Bestand. Damit wird das Theater zum Spiegelbild der Realität, zumindest so, wie Autor Krasanovsky es sieht. Alles löst sich auf; was früher war und Halt gegeben hat, gilt heute nicht mehr.

Das Stück ist nahe an der Aktualität, Themen wie Umwelt, Krieg, Drohnen, soziale Ungleichheit, Zerfall der Familienstrukturen bis hin zum Verbrennen der alten Polaroid-Fotos: Nichts fehlt, selbst der alte Aristoteles muss erkennen, dass alles den Bach runtergeht. Gelungen in diesem Zusammenhang der Dialog zwischen einem Lamm und einem Wolf zu der Frage, ob man das System „Wer frisst wen?“ nicht umkehren könnte. Treffend der Text insgesamt, wenn auch nicht immer frei von Vereinfachungen und Klischees.

Die Inszenierung von Autor Krasanovsky ist temporeich und steht im Dienst des Stücks und seiner Intention. Die Ausstattung von Tom Schellmann kennzeichnet sich durch Buntheit und überraschende Effekte wie zum Beispiel die völlig dunkle Bühne, weil „die Techniker“ nicht mehr mitmachen wollen. Skurrile Figuren und Masken – etwa über die Bühne kurvende Affen auf Fahrrädern – passen zum Geschehen, in dem nichts Bestand hat. Die Darstellerinnen und Darsteller – es sind bis zu 13 auf der Bühne, die Statisten nicht mitgezählt – sind in ihrer Wandlungsfähigkeit stark gefordert, bewältigen ihre Parts aber bravourös.

Am Schluss wird das „tote“ Publikum mit einer einsamen Grabkerze auf finsterer Bühne entlassen – und zeigt sich beim Applaus umso lebendiger!

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