Auf der Rennbahn des Lebens: Gags am laufenden Band
Das musizierende Ensemble rund um Nick Romeo Reimann liefert auf der rotierenden Rennbahn viele Gründe für ein Lächeln.
Liv Strömquist, 1978 geboren, ist die Stefanie Sargnagel von Schweden – und mit ihren Graphic Novels ziemlich angesagt. So gieren auch die Theater, auf der Suche nach allem, was sich dramatisieren lässt, nach deren Stoffen. Das Grazer Schauspielhaus bringt am 10. April „Das Orakel spricht“ aus 2024 zur Uraufführung – als „poptheatralische Sinnsuche“. Regie führt Katrin Plötner, die bereits zwei Werke von Strömquist umgesetzt hat, zuletzt „Im Spiegelsaal“ über Schönheit und patriarchale Strukturen am Staatsschauspiel Dresden.
Die Nase vorn aber hat das Wiener Volkstheater – mit der Zirkusshow „Liv, Love, Laugh Strömquist“, die am Freitag Premiere hatte. Als Kontrapunkt zur grandiosen Retrospektive Gustave Courbet im Leopold Museum samt dem verruchten Gemälde „Der Ursprung der Welt“ wäre Strömquists Auseinandersetzung mit der Vulva – als Buch unter dem gleichen Titel erschienen – nahe gelegen. Doch man reitet lieber das gleiche Pferd wie in Graz: In „Liv, Love, Laugh Strömquist“, der dritten Zusammenarbeit der alltagsphilosophierenden Zeichnerin mit der Dramatikerin Ada Berger, wurde „Das Orakel spricht“ integriert.
Geistreiche Gespenster
Der Titel aber sagt wenig, und so nimmt es nicht wunder, dass bei der österreichischen Erstaufführung etliche Sitze leer blieben. Dabei hatten sich Regisseurin Anna Marboe, nie um Gags am laufenden Band verlegen, die Ausstatterinnen Helene Payrhuber und Sophia Profanter sowie das Ensemble enorm ins Zeug gelegt. Sie rackerten sich richtiggehend ab, es gibt liebe Monster, geistreiche Gespenster, Sprechblasen mit hineinprojizierten Texten, und das Sinnieren über den Schneefall passte perfekt zum Wetter. Doch die feine Gesellschaftskritik versinkt fast im Kunterbunt der Anspielungen, Instagram-Zitate und Insider-Jokes.
Im Prinzip geht es in diesem „Life Coaching auf Leben und Tod“, so der Untertitel, um den Selbstoptimierungswahn und die vergebliche Suche nach Glück. Krude Ratschläge gibt es zuhauf, etwa vom Influencer Rollo Tomassi, der Männern rät, im Vorzimmer zu verharren, damit die Frau für die Begrüßung zu ihm kommt.
Bar einer logischen Entwicklung, reiht sich in dieser absurden wie musikalischen Nummernrevue eine Szene an die andere. Und wie bei Gunkl oder anderen Kabarettisten fügt sich erst ganz zum Schluss, nach 105 Minuten, alles zusammen – in einem wirklich betörenden, überdies sehr sentimentalen Bild.
Die echt guten Passagen sind leider nicht ganz fair auf die sechs traurigen Clowns verteilt. Sebastian Rudolph äußert hinreißend schnoddrig bizarre Gedanken und interagiert sympathisch mit dem Publikum, Nicolas Frederick Djuren brilliert mit einer James-Blut-Verarsche und dem Musical-Song über die Maklerin auf Mallorca.
Claudia Sabitzer darf auf der kreisenden „Überholspur des Lebens“ gleich zu Beginn punkten – als eine, die bereits mit 35 alles nur Erdenkliche erreicht hat (inklusive zweier Oscars) und sich zu „Chariots of Fire“ von Vangelis im Scheinwerferlicht sonnt. Der Song des Abends aber ist variantenreich der Disco-Hammer „Pump Up The Jam!“ mit der Botschaft „Make My Day“. Denn er könnte, wie man leider weiß, immer der Letzte sein.
Kommentare