"Frühlings Erwachen" in der Volksoper: „Jeder hat damit zu kämpfen“
Frank Wedekind mit Rockmusik – dass das funktioniert, ist einerseits erstaunlich, andererseits wohletabliert. Das Musical „Spring Awakening“ nach dessen „Frühlings Erwachen“ hat am Broadway acht Tony-Awards gewonnen. Ab heute zeigt die Volksoper die Story über Erwachsenwerden, erwachende Sexualität – und all das Leid, das mit fehlender Aufklärung und Gewalt einhergeht (Besuch empfohlen ab 13 Jahren).
Paula Nocker, Ensemblemitglied des Volkstheaters, singt und spielt Wendla, die nach einer heimlichen Abtreibung zu Tode kommt. Melchior (Paul Aschenwald) und Moritz (Til Ormeloh) komplettieren das zentrale Trio. Frédéric Buhr inszeniert, Christian Frank dirigiert.
KURIER: Man würde gerne sagen: Kinder von heute sind ohnehin so aufgeklärt, für die ist es leichter, aber man weiß, das stimmt nicht.
Paula Nocker: Nein, leider. An dem Gefühlschaos führt nichts vorbei. Jeder hat damit zu kämpfen gehabt, auch wenn man es hoffentlich nicht so krass erlebt wie hier.
Es geht unter anderem um eine tödlich verlaufende, heimliche Abtreibung. Das wird mit dem Blick auf die USA, wo Abtreibungen staatenweise wieder verboten werden, schon sehr heutig?
Total. Alles kommt wieder, auch Schöneres, wie Schallplatten und Röhrenjeans. „Spring Awakening“ hat eine enorme Aktualität. Und ja, es behandelt diese großen Themen, aber im Endeffekt ist das, was man mitnehmen könnte, die Wichtigkeit von Kommunikation. Dass man sich austauschen sollte und Hilfe suchen, falls man Probleme hat. Und dass Gemeinschaft ein großer Segen sein kann, dass es viel Hoffnung gibt, wenn man zusammenhält.
Das ist eher ungewöhnlich: Texte aus dem 19. Jahrhundert – und Rockmusik.
Ja! Das ist ein super Konzept, das mir einleuchtet. Ich habe die Musik oft gehört – und ich liebe sie richtig, sie ist sehr, sehr berührend. Und vielleicht gehen ihretwegen mehr Jugendliche in dieses Stück, das ist ein schöner Versuch, diese zu erreichen.
Sie kommen ja vom Sprechtheater, ist Musical an der Volksoper da eine Hürde?
Ich hoffe immer, dass die anderen sich zweimal überlegen, ob sie es sich mit mir antun (lacht). Es ist schon wahnsinnig erstaunlich, was diese ganzen jungen Menschen – ich bin ja nicht mehr die Jüngste – alles können.
Haben Sie gerade gesagt, Sie sind nicht die Jüngste?
In dem Cast bin ich die Zweitälteste! Die kommen teils direkt aus der Schule – und sind wirklich ein Wahnsinn. Das macht diese Vorurteile über Musical zunichte! Ich glaube, da spricht der pure Neid aus den Menschen, wenn sie sagen, dass man Musical überhaupt nicht ernst nehmen kann. Die müssen einfach alles können, auch tanzen, was ich zum Beispiel überhaupt nicht kann.
Oha, war das schwierig?
Davor hatte ich am meisten Respekt. Ich bin keine Tänzerin, und es macht mir normalerweise auch nicht den größten Spaß. Aber sogar das hat mir dann Freude gemacht. Es ist tatsächlich so, dass ich jetzt Muskeln habe, wo ich gar nicht wusste, dass Muskeln sein können.
Ist das große Thema Sexualität auf der Bühne irgendwie schwieriger, wenn man selbst noch jung ist?
Im Gegenteil! Vielleicht, weil die sogar noch näher dran sind. Und ich habe schon das Gefühl, dass sich die jungen Menschen, mich inkludiert, sehr mit ihren Emotionen auseinandersetzen und da sehr bedacht sind.
Es gibt auch eine Intimitätskoordination. Wie ist das so?
Es ist gut, dass es das gibt, wenn man es benutzen möchte. Wenn nicht, ist es auch in Ordnung, aber ich finde es gut, dass die Menschen die Gelegenheit haben, sich so sicher wie möglich zu fühlen.
Die Branche ist diesbezüglich, bei Machtmissbrauch und mehr, noch in Verruf. Hat sich das gebessert?
Das weiß ich nicht. Ich muss dazu sagen, ich hatte Glück bisher, ich habe noch nie etwas in die Richtung erfahren, wo ich wirklich sagen muss, das hat total meine Grenzen gesprengt. Aber natürlich ist das Risiko in unserem Beruf höher, dass etwas passiert, da wir mit unseren Emotionen arbeiten und während der ganzen Probenzeit so offen wie möglich sein müssen. Dann ist die Angriffsfläche größer.
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