Horváth in Graz und Linz: Ein gutes Leben ist niemandem vergönnt
Tristesse im Grazer Schauspielhaus: "Der jüngste Tag"
Ödön von Horváth, vor 125 Jahren geboren, steht hoch im Kurs. Nicht mit den eher komödiantischen Stücken, darunter „Zur schönen Aussicht“, sondern mit den deprimierenden „Volksstücken“ aus den 1930er-Jahren, die in Verzweiflung und Desillusionierung, mit Mord und Suizid enden, in denen andauernd Menschen „abgebaut“ werden und sich der Nationalsozialismus ankündigt: Ein gutes Leben ist niemandem vergönnt, so rechtschaffen man sich auch bemüht.
Ende November hatte im Linzer Theater Phönix eine Neuinszenierung von „Kasimir und Karoline“ Premiere, Mitte Dezember folgte im Wiener Volkstheater eine streng durchkomponierte Interpretation der „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Und am Grazer Schauspielhaus kam zur gleichen Zeit „Der jüngste Tag“ in einer beklemmend düsteren Inszenierung heraus. In dieser Tragödie verpasst der Bahnhofsvorsteher Thomas Hudetz, abgelenkt durch die Wirtshaustochter Anna, das Signal zu geben: Zwei Züge kollidieren, 18 Menschen sterben.
Psychologisches Spiel
Horváths Zeitangabe „In unseren Tagen“ ist wohl aufgrund der technologischen Entwicklungen nicht mehr glaubwürdig darstellbar. David Bösch und sein Team haben das Stück aber möglichst nahe in die Gegenwart geholt, in die 1980er-Jahre. Und sie verzichteten auf pittoreske Szenerien, die Pfeiler des Eisenbahn-Viadukts zum Beispiel: Bühnenbildner Patrick Bannwart schuf eine steppenartige, unwirtliche Landschaft mit vielen Grashalmen, aus der sich gespenstisch ein besonders tristes Gasthaus herauswindet.
Das Schild „Bahnhof“ reicht zudem völlig aus. Denn Bösch setzt auf packendes, psychologisches Spiel. Und er beginnt den 90-minütigen Abend erstaunlich heiter. Der Zug hat wieder Verspätung, eine Dreiviertelstunde gar: Er kommt, so die dazuerfundene Ansage des Bahnhofsvorstehers, aus dem benachbarten Ausland. Das komödiantische Element, für das unter anderem Miriam Maertens als Frau Leimgruber und Kaspar Simonischek als Vertreter mit Aktenkoffer sorgen, erhöht den darauf folgenden Absturz beinahe ins Bodenlose.
Die von Gewissensbissen geplagte Anna der Luisa Schwab ist keine Lolita, wie so oft (etwa 2024 bei den Festspielen Reichenau), und Thomas Kramer berührt als introvertierter, geisterhafter Hudetz: Das metaphysische Ende von Horváth kann sich Bösch daher getrost sparen.
Diese stimmige Produktion machte neugierig auf den „kleinen Totentanz“ mit dem Titel „Glaube Liebe Hoffnung“, der am Freitag in den Kammerspielen des Landestheaters Linz Premiere hatte. Aber der Schauspieldirektor inszenierte nicht selbst: Bösch betraute Joachim Gottfried Goller. Und der junge Südtiroler bemühte sich zu gewollt um einen eignen Zugang.
Kammerspiele Linz: "Glaube Liebe Hoffnung"
Die arbeitslose Elisabeth stemmt sich gegen das drohende Schicksal: „Es soll ja noch schlechter werden“, sagt sie gleich zu Beginn. „Aber ich lass den Kopf nicht hängen.“ Doch alle ihre Versuche scheitern. Weil sie von Männern beispielsweise des Betrugs bezichtigt wird.
Goller und Dramaturg Andreas Erdmann integrierten in ihre Fassung Szenen, die Horváth schließlich nicht verwendet hat, darunter eine – aus heutiger Sicht – sehr zentrale: Um Zeit zu sparen, lässt sich Elisabeth mit ihrem Musterkoffer im Automobil mitnehmen. Doch sie gelangt nie an ihr Ziel: Der Student Eltz hat die Panne nur vorgetäuscht, um übergriffig werden zu können. Noch wehrt sie sich: „Ich bin nicht hysterisch! Ich bin kein Ding.“
Absurder Albtraum
Lorena Emmi Mayer strahlt weiterhin Zuversicht und Lebensfreude aus. Aber es gibt kein Entrinnen aus der von Männern dominierten Welt. Goller stellt diese als Karikaturen aus: Der Amtsgerichtsrat des Lutz Zeidler futtert die ganze Zeit, die Schutzpolizisten reiten in Kompaniestärke auf Steckenpferden, der Präparator füttert die Tauben mit einem Sack von Semmelbröseln. All das wirkt wie ein reichlich absurder Albtraum mit Mortadella-Vollmond, düster untermalt von Alice Peterhans an der E-Gitarre. Doch der Text braucht keine grelle Überillustration im Seerosenteich-Setting (von Julia Neuhold) samt Halfpipe: Das Raufrennen, Erklimmen, Runterrutschen nervt mit der Zeit.
Mortadella-Vollmond: "Glaube Liebe Hoffnung"
Warten wir also auf den nächsten Versuch: Am 26. März hat „Glaube Liebe Hoffnung“ im Akademietheater Premiere – in einer Inszenierung von Lucia Bihler, die zuletzt mit Franz Kafkas „Die Verwandlung“ beeindruckte.
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