Gefeiert, geschmäht, geliebt: Die Wiener „Phantasten“ heute
Für Spätgeborene braucht es einige Anstrengung, um sich vorzustellen, wie tief die Gräben in der österreichischen Kunstszene einst waren: Auf einer Seite standen abstrakte Maler wie Arnulf Rainer und Josef Mikl; auf der anderen Seite, damit völlig unvereinbar, die „Phantastischen Realisten“ wie Arik Brauer, Ernst Fuchs und Anton Lehmden mit akademischer Feinmalerei und erzählerischen Bildern: Beliebt beim Publikum, waren sie vom fortschrittlichen Kunstdiskurs bald ausgeschlossen. „Dekorative Lexikonmalerei“ nannte etwa die Malerin Martha Jungwirth den Stil, und das war eine der freundlicheren Einschätzungen.
Dass die „Phantasten“ ein wichtiger Teil von Österreichs Kunstwelt der Nachkriegszeit waren, bezweifelt indes niemand. Und in der Aufarbeitung der Epoche haben sich Gewissheiten verschoben. „Wir merken eine unglaubliche Faszination, die Arik Brauer und Anton Lehmden jetzt bei Betrachterinnen und Betrachten auslösen“, sagt die Kunsthändlerin Sophie Zetter-Schwaiger. „Das war vor 15, 20 Jahren noch nicht so – und es hängt, glaube ich, mit dem Zeitgeschehen zusammen.“
Mit ihrer Partnerin Claudia Kovacek-Longin und den Künstlertöchtern und Nachlassverwalterinnen Timna Brauer und Barbara Lehmden hat Zetter eine große Doppelschau von Arik Brauer und Anton Lehmden zusammengestellt. Die Verkaufsausstellung will auch den Status der Maler heute testen.
„Ich denke mir, man tut dem Vater keinen Gefallen, wenn man die Bilder unter Verschluss hält“, sagt Barbara Lehmden, die – in Abstimmung mit acht Geschwistern und Halbgeschwistern – auch Hauptwerke veräußert, die bisher im Schloss Deutschkreutz lagerten. Dort lebte Lehmden bis zu seinem Tod 2018 (siehe unten).
The Big Picture
Dass Lehmden mit seinen Landschaftsbildern, Tier- und Pflanzenmotiven in seinem Frühwerk auch auf Kriegserfahrungen reagierte und die Versehrtheit von Natur und Mensch thematisierte, trat später oft in den Hintergrund. Sein bekanntestes Werk – der monumentale Mosaikzyklus „Das Werden der Natur“ (1987–1991) in der U3-Station Volkstheater – zielte auf die großen Zusammenhänge.
Gerade die Ruhe im Umbruch sei heute ein Atout des „stillen Phantasten“, meint Zetter. Dass sich zeitgenössische Kunst unter dem Eindruck der Klimakrise verstärkt natürlichen Prozessen und einer Besinnung zuwendet, rechtfertigt ebenso einen zweiten Blick.
In malerischer Hinsicht ist das Werk unverkennbar, technisch ist es raffiniert – dass sich die „Phantasten“ lieber auf altmeisterliche Vorbilder beriefen, anstatt wie ihre abstrakten Kollegen experimentell am Wesen der Malerei zu rütteln, führte sie allerdings ins Abseits des modernen Kunstdiskurses.
Heute ist die formale Orthodoxie einer unüberblickbaren Vielfalt gewichen. Der Surrealismus, für die Wiener Szene einst Vorbild und Reibebaum, gewann zuletzt ebenso an Präsenz wie die Bildproduktion abseits des westlich-modernen Kanons.
Ob die Wiener „Phantasten“ ihre Nische verlassen und an diese Tendenzen anschließen können, kann sich letztlich nur im Konzert mit Kuratoren, Sammlern und anderen Künstlern zeigen. „International ist noch Luft nach oben“, weiß Zetter-Schwaiger. „Unser Ziel ist, dass wir sie wieder dorthin führen, wo sie waren – und wohin sie gehören.“
- Die Schau „Arik Brauer/ Anton Lehmden: Phantastischer Realismus – zwei Perspektiven“ ist bis 16. 5. in der Galerie Kovacek & Zetter (Stallburggasse 2, 1010) zu sehen.
- Anton Lehmdens langjähriger, zum Privatmuseum erweiterter Wohnsitz auf Schloss Deutschkreutz /Bgld. ist – ausschließlich nach Voranmeldung – zu besichtigen (Infos: antonlehmden.at).
- Die Villa von Arik Brauer in der Wiener Colloredogasse 30 ist ebenfalls im Rahmen von Führungen zu besuchen (Infos: arikbrauer.at). Zuletzt veröffentlichte Brauers Tochter Timna den Band „Die Brauer-Villa – Ein Gesamtkunstwerk“.
- Ein Gesamtkunstwerk ist auch das in der Hütteldorfer Otto-Wagner-Villa angelegte Domizil von Ernst Fuchs, das heute ebenfalls als Museum geführt wird. Am 23. 4. eröffnet dort die Sonderschau „Weißes Arkadien“, die Fuchs’ Kunst mit Porzellanmalerei des Malers Izi Stern kombiniert, der lange in der Manufaktur Augarten tätig war (bis 31. 5., Info: ernstfuchs.at)
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