Peter Cornelius beklagt "Schminkkasten der Political Correctness"
"Du entschuldige I kenn di", "Der Kaffee ist fertig" und derzeit wieder sehr aktuell: "Reif für die Insel": Das sind nur die berühmtesten Lieder von Peter Cornelius - die kennt wirklich jeder. es gibt aber noch viel mehr: Der österreichische Singer-Songwriter hatte seinen großen Durchbruch in den 80ern, in der Folge war er auch in Deutschland – mit Produzent Michael Cretu – ausnehmend erfolgreich. Seither ist er eine fixe Größe im österreichischen Musikschaffen.
Cornelius wird am 29. Jänner 75 Jahre alt und schenkt sich selbst eine Tournee ab 25. März durch Österreich und Deutschland, und ein neues Album. Der Titel: "Zeitlos". Im Gespräch erklärt er, warum der Begriff auf ihn passt, warum ihn Political Correctness stört und welches traurige Schicksal der deutschen Sprache droht.
KURIER: Haben Sie heute schon Musik gemacht?
Peter Cornelius: Heute noch nicht. Aber ich werde vielleicht noch, weil ich noch am nächsten Album, das anlässlich der Tournee rauskommen wird, arbeite. Ich habe das Studio im Haus. Da bekommt man viel schneller ein schlechtes Gewissen, wenn man wieder nichts getan hat. Ich habe keine Ausreden wie schlechtes Wetter. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich ein herrlicher Umstand. Das war der Grund, warum ich dieses Haus damals gekauft habe. Das Studio ist ebenerdig, nicht im Keller. Wenn ich rausgehe, stehe ich auf der Wiese.
Es wird also auch ein neues Album geben?
Ja, die Tour heißt "Zeitlos" und das Album wird auch "Zeitlos" heißen. Ich habe einen eigenen Song geschrieben, der "Zeitlos" heißt. Weil immer wieder Leute zu mir gesagt haben, dass meine Songs zeitlos sind und dass ich zeitlos bin in diesem Metier. Ich bin jetzt seit über 50 Jahren dabei und was ich schon alles kommen und gehen gesehen habe, ist Breitwand-Cinemascope. Mit der Zeit lernt man, dass dieses Metier gerne Leute hell und explosionsartig abbrennt, wie einen Heuhaufen. Das habe ich alles gesehen.
"Meine Kreativität ist zu einem großen Teil eine selbstauslösende Sofortbildkamera."
Wie haben Sie geschafft, dass Sie nicht verbrannt worden sind?
Es gehört offenbar zu meiner Handschrift, zeitlose Songs zu schreiben. Ich habe ja einmal sieben Jahre Pause gemacht. Zu meinem 50. Geburtstag 2001 habe ich dann wieder einmal ein Album veröffentlicht. Ich wollte 1993 nur ein Jahr Pause machen, nach einer wahnsinnig intensiven Zeit vorher, ein Jahrzehnt war ich ständig in Deutschland. Promotion-Termine und Promotion-Termine und Promotion-Termine. Da hab ich festgestellt, das ist nicht meine Natur. Mir war das Allerwichtigste, dass ich Songs schreibe. Und da geht es sehr viel um Erlebnisse, die das auslösen, ich habe früher immer gesagt, meine Kreativität ist zu einem großen Teil eine selbstauslösende Sofortbildkamera.
Die Ideen brauchen eine Landebahn. Und wenn die besetzt ist, dann ziehen die weiter. Das war mir klar, dass das ein Problem ist. Ich konnte überhaupt nicht kreativ werden bei solchen Anlässen. Wenn ich einen Doppelgänger gehabt hätte, wäre ich als Person noch viel bekannter. Und ich hätte in Ruhe Songs schreiben können. Normalerweise ist es das Todesurteil mit Garantieschein, sich sieben Jahre lang aus dem ganzen Metier herauszuhalten.
Aber nicht in meinem Fall, weil meine Songs offensichtlich so zeitlos und robust sind. Das ist längst vergessen, dass ich einmal so lange ausgesetzt habe. Dabei war das ein Zeitraum, der war so lang, wie die Beatles offiziell existiert haben. Das ist verrückt.
Das letzte Album haben Sie ja teilweise in New York aufgenommen. Das neue auch?
Nein, aber ich habe noch Material über. Meine Frau und ich waren, ich glaube, ab 2006 oder 2007, 13 Mal in New York. Als ich nach New York gekommen bin, hatte ich das Gefühl, dass mein Stecker dort genau in die energetische Steckdose passt. Ich habe mich gefühlt, wie in einen Jungbrunnen gefallen. Ich hatte sogar wieder eine gewisse Menge an Naivität zur Verfügung. Die Naivität geht irgendwann verloren. Und die ist so wahnsinnig wichtig und man kriegt sie mit keinem Geld der Welt zurück. Ich hatte ganz schnell Kontakte zu einem Studio, zu Tontechnikern, zu Musikern gehabt. Ich hab da immer wieder produziert und aufgenommen in einer sehr guten Atmosphäre des Umsetzen-Könnens. Bei uns gibt es die Eigenart, je länger wir drüber reden, umso leichter bekommt man den Eindruck, dass das eh sinnlos ist. Das gab es dort nicht.
Aber die letzten zwei, drei Besuche in New York, da hab ich bemerkt, irgendwas stimmt da nicht mehr. Plötzlich haben die dort um halb neun Uhr abends vorm Flatiron Building, meinem Lieblingshaus, die Sessel weggeräumt. Und plötzlich gab es auf der Fifth Avenue so riesige Geschäftshäuser, diese großen, mächtigen New Yorker Geschäftshäuser, mit Packpapier in den Fenstern, „Vacant Store". Und dann kam ohnehin Covid, und damit war Schluss mit den New York-Besuchen. Dabei waren wir schon so weit, dass wir ein Apartment anschauen waren. Gott sei Dank ist es nicht so weit gekommen. Man weiß ja nicht, was mit diesem neuen Bürgermeister aus der Stadt werden wird.
Sie haben über ihr letztes Album gesagt, dass der Blues zu Gast war. Ist der Blues, würden Sie sagen, der Sound der Stunde?
Der Blues ist der Sound der Stunde in unserem soziologischen Klima. Nur es soll nicht darüber geredet werden.
Was heißt das?
Das heißt, dass die politische Correctness schon so weit greift oder gegriffen hat, dass man eigentlich auch nicht sagen sollte, dass der Blues jetzt in der Luft liegt. Sondern es soll so getan werden, als wäre alles im Großen und Ganzen total in Ordnung und es gibt nur kleine Verwerfungen. Mit dem Schminkkasten wird ununterbrochen herumgeschminkt und nachgeschminkt. Das ist ein soziologisches Phänomen, das wir jetzt irgendwie ausgefasst haben. Ich habe Deutschland sehr, sehr viel zu verdanken. Aber ich kann gar nicht hinsehen, wie die sich zugrunde richten.
Inwiefern?
Die richten sich wirtschaftlich zugrunde. Allein die Tatsache, dass Deutschland in so kurzer Zeit so einen Abstieg erlebt, ist irgendwie sagenhaft. Oder zum Beispiel, dass man in Amerika imstande war, den Sunshine State Kalifornien so zu ruinieren, ist schon wieder eine Kunst. Abgesehen von den Big Techs dort, die sich um die restliche Zivilisation kaum kümmern. Da sind kilometerlange Zeltstädte und Wohnwagenstädte, furchtbar. Das muss man erst einmal hinkriegen. Gut, das ist in Amerika und da müssen sich die darum kümmern, aber dass die in Deutschland sich selbst ihre Kernindustrie, nämlich die Autoindustrie, so tief beschädigen, dass die jetzt irgendwie da steht wie ein Wrack, ist unglaublich. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.
Da müsste viel früher die Vernunft zugreifen. Wissen Sie, ich habe gegen politische Dinge sowieso eine gewisse Aversion aber ich bin ein V-Mann, ich bin für Vernunft. Für das unbedingte Anwenden von Vernunft in der Politik. Ich bin ein Gegner von Ideologie, weil Ideologie ist immer Tunnelblick.
- 25.3. Oberwaltersdorf
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- 06.11.2026 - Wiener Stadthalle, Halle F
07.11.2026 - Wiener Stadthalle, Halle F
Mehr Daten siehe petercornelius.com
Wir brauchen aber im Grunde genommen wieder einen Blick, der möglichst weit nach links und nach rechts den ganzen Horizont überblickt, und dann mit möglichst viel Vernunft das alles wieder versucht, auf die Beine zu stellen und auf die Schiene zu bringen.
Ich finde absurd, dass ich als Künstlernatur auf solche Ideen komme, das ist überhaupt nicht meine Aufgabe. Aber ich staune, dass es nicht gemacht wird. Weil so schwer ist ja das nicht.
Aber auf was beziehen Sie sich denn da konkret?
Auf das Ruinieren der deutschen Wirtschaft. Da wird abgewandert. Die haben mit dieser exzessiv grünen Politik x-tausende Jobs und Existenzen ruiniert. Das ist alarmierend. Die haben da draußen auch einen Menschen zum Wirtschaftsminister gemacht, der nicht wusste, was eine Insolvenz ist.
Sie sind ja jemand, dem die deutsche, die österreichische Sprache und Sprachfarbe am Herzen liegt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie lesen über das Jugendwort des Jahres, „6-7" oder „Das crazy"?
Dass die deutsche Sprache mit ihren wunderbaren Möglichkeiten, sich exakt und vielleicht auch in etwas komplexeren Sätzen ausdrücken zu können, im Verschwinden ist, das können wir schon lange beobachten. Und es ist unendlich schade darum. Wir können im Wort in der deutschen Sprache wirklich präzise formulieren und können auch zusätzlich noch fantasievolle Anmerkungen in Bildern hinzufügen. Wenn das verloren geht, dann ist das eine zivilisatorische Niederlage sondergleichen. Plötzlich war „krass" ein Modewort, um darzustellen, dass irgendwas außergewöhnlich ist. Ich habe einmal einen gefragt, ob er weiß, wo das herkommt. Es kommt, soviel ich weiß, vom römischen Feldherrn Crassus. Der war besonders energisch und rücksichtslos in seinem Vorgehen. Da werden jetzt irgendwelche Satzstellungen Normalität, die keine Sätze sind. Das sind nur mehr Samples, nur mehr zusammenhängende Laute, die irgendetwas bedeuten.
"Ich geh Billa. Das ist ein Unglück."
Aber es ist auch eine lebendige Sprache, die ändert sich halt.
Nein, das ändert sich nicht nur. Wenn wir uns die deutsche Sprache jetzt vorstellen als eine Marmorfigur: Es wird nur der linke untere Fuß überbleiben. Vielleicht inklusive Knie, wenn es gut geht, aber alles andere ist weg. Ich geh Billa. Das ist ein Unglück. Das ist, als ob Musik nur mehr aus eineinhalb Tönen bestehen würde. Es gibt nur mehr C und Cis.
Hat Sie etwas besonders geprägt in Ihrer Karriere?
Das Vorhandensein der englischen Genies in der Musik in den 60ern und 70ern, das war für mich lebensprägend. Ohne John Lennon hätte mein Leben einen anderen Verlauf genommen. Ohne John Lennon und ohne Leopold Figl. Figl hat mit seinem Team genialerweise die Russen dazu gebracht, den Osten Österreichs frei zu geben, weil sonst wäre nichts gewesen mit der elektrischen Gitarre und dem Mikrofon. Wir hätten sowas wie eine Miniatur-DDR gehabt. Und Lennon hat mit der Gründung der Beatles das Lebens- und Weltgefühl dieser Zeit beeinflusst. Es ist unfassbar großartig, was in der kurzen Zeit an fantastischer Musik entstanden ist. Es ist ein heiliges Wunder. Und dazu diese fantastischen Rolling Stones. Gott sei Dank bin ich nicht in den Spirit von Pink Floyd reingekippt.
Warum?
Wenn du in diese Energie von Pink Floyd reingehst und sagst, das ist für mich das Wahre, ich will auch so etwas in der Art machen, und du bist aber aus Wien, aus Österreich - dann geht das nicht. Das wäre es dann gewesen.
Und die Popmusik heute?
Jetzt macht Artificial Intelligence und KI in der Kreativität der Leute mehr oder weniger ein Chaos. Was jetzt mit KI passiert, das konnte sich nicht einmal Jules Verne ausdenken. Das ist wie die Büchse der Pandora, der plötzlich der Deckel weggeflogen ist. Es stellt sich heraus, dass das Ding fußend auf allem, was schon vorhanden ist, alles kann. Die Technik war mal imstande, aus einem 3-Liter-Verbrennungsmotor 1000 PS rauszuholen. Und irgendwo in der Gegend war die physikalische Grenze. Aber diese Technologie jetzt, aus der KI wuchs, die ist nach oben offen. Und es gibt überhaupt keine Vorstellung, wie weit es jetzt noch gehen kann.
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