Das Gegenteil von Berlusconi: „La Grazia“ von Paolo Sorrentino
Toni Servillo als italienischer Staatspräsident, Anna Ferzetti als seine geduldige Tochter: „La Grazia“ von Paolo Sorrentino.
Machtmissbrauch und moralische Leere sind die Haupteigenschaften von politischen Führungsfiguren in den Filmen von Paolo Sorrentino. Der italienische Starregisseur, dessen „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ 2014 einen Oscar gewann, zeichnete in „Il Divo – Der Göttliche“ (2008) ein wenig schmeichelhaftes Bild von Giulio Andreotti: Sieben Mal Premierminister, führte er seine Staatsgeschäfte mit mafiösen Kontakten. Für „Loro – Die Verführten“ (2018) stand Silvio Berlusconi Pate, der Italien zwischen Korruption, Bestechung und „Bunga-Bunga“-Partys regierte.
In seinem neuen, visuell überaus eleganten Film „La Grazia“ (derzeit im Kino) schlägt Sorrentino eine andere Seite in seinem Porträtalbum politischer Persönlichkeiten auf. Wie auch in den Filmen davor verkörpert sein Haus- und Hofschauspieler Toni Servillo einen italienischen Staatsmann. Doch im Gegensatz zu den widerwärtigen Fatzkes in „Il Divo“ und „Loro“ spielt Servillo diesmal den von Grund auf seriösen, allerdings fiktiven Politiker Mariano De Santis, der seinen Aufgaben gewissenhaft nachkommt.
De Santis steht als italienischer Präsident kurz vor seiner Pensionierung. In den wenigen verbleibenden Monaten im Amt hat er noch zwei große Aufgaben zu erledigen: ein Sterbehilfegesetz zu unterschreiben und über die Gnadengesuche zweier Mörder zu entscheiden. „In meinem Film fallen zwei Dinge zusammen“, erklärt Regisseur Paolo Sorrentino im Roundtable-Interview mit dem KURIER: „Der Präsident ist eine Persönlichkeit mit großer Verantwortung und befindet sich in einem moralischen Dilemma. Gleichzeitig denkt er aber auch über das Ende seines eigenen Lebens nach.“
Nein, eine Trilogie zusammen mit den beiden vorher genannten Polit-Filmen habe er nicht im Kopf gehabt, sagt der 55-jährige Sorrentino, aber klar ist: „Wenn mehr Politiker auf Grundlage von moralischer Überlegung und Intelligenz regieren würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Aber dieser Typus ist mittlerweile aus der Mode gekommen.“
Toni Servillo spielt den alten Staatsmann mit gewitzter Zurückhaltung und wurde für sein pfiffiges Spiel auf dem Festival in Venedig mit dem Schauspielerpreis ausgezeichnet. Von Anfang an hatte ihn Sorrentino für die Hauptrolle im Kopf. Er blickt auf eine lange Zusammenarbeit mit Toni Servillo zurück: „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, streiten nie und lachen über dieselben Dinge. Ich arbeite wirklich sehr gern mit ihm zusammen.“
Heimlich rauchen
Als De Santis leidet Toni Servillo an der übergroßen Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet. Seine Tochter und engste Beraterin verzweifelt manchmal an seiner Beharrlichkeit, die an Starrsinn grenzt. Doch in unbeobachteten Momenten raucht der alte Herr heimlich Zigaretten und hört Rap-Musik – „als Versuch, die Gegenwart zu verstehen“. Mit einer jungen Generation Schritt zu halten, hält Paolo Sorrentino für ganz wesentlich: „Wenn Menschen älter werden – und das kann ich definitiv von mir selbst sagen – neigen viele dazu, Zuflucht in einer idealisierten Vergangenheit zu suchen. Doch der einzige Weg, um nicht in schleichender Depression zu fallen, besteht darin, jungen Menschen zuzuhören und sie zu verstehen.“
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