Ovids "Metamorphosen" heute: Die Götter müssen sich anpassen

Eine Ausstellung zeigt, wie das Versepos über Jahrhunderte inspirierte. Dass viele Geschichten Gewalt und Übergriffigkeit legitimieren, wird nur zart thematisiert.
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An den Wänden einer abgedunkelten Kammer ist das Gesicht einer jungen Frau zu sehen, die stillzuhalten versucht, während Schlangen über ihre Nase, ihren Mund und ihre Augen kriechen.

Wer hier „Dschungelprüfung“ sagt, hat verloren: Die Videoinstallation im Amsterdamer Rijksmuseum ist ein zeitgenössisches Echo auf die Geschichte der Medusa. Den Mythos überlieferte unter anderem der römische Dichter Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr) in seinen „Metamorphosen“, jenem Langgedicht, das bis heute Teil von Latein-Lehrplänen und ein fester Bestandteil des abendländischen Bildungskanons ist.

Aber warum eigentlich? Der europäische Kanon hat heute an Verbindlichkeit verloren, die Kürzung des Lateinunterrichts erregt vor allem die, die bisher daraus ein soziales Distinktionsmerkmal bezogen. Die alten Götter sind einem Pantheon (teils zum Verwechseln ähnlicher) popkultureller Superhelden und -heldinnen gewichen – und ihre Form verändern können Pokémons auch.

„Plus ça change...“

Die mit einigen Meisterwerken bestückte Großausstellung kehrt dennoch die Zeitlosigkeit der ovidschen Geschichten hervor: „Im Herzen seiner Botschaft liegt die Idee, dass alles sich konstant im Fluss befindet, aber nichts wirklich verschwindet“, ist im Eingangsbereich zu lesen. Doch die Schau erzählt auch von Macht – und davon, wie jene, die sie besaßen, stets auch Kunst und Mythen nutzten, um auf ihr zu beharren.

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Ab Juni wird die Ausstellung in der Galleria Borghese in Rom zu sehen sein. Die Orte sind nicht zufällig gewählt: In Renaissance und Barock bildeten die Niederlande und Italien die Pole eines transeuropäischen Kulturtransfers, der das Kulturerbe bis heute prägt. 

Die Geschichten, in denen es um Verwandlungen aller Art geht‚ inspirierten spätestens seit der ersten gedruckten italienischen Übersetzung 1497  Künstler der Renaissance.  Bald schlug der antike Stoff  auch nördlich der Alpen ein:  Als „Bibel für Künstler“ bezeichnete der Niederländer Karel van Mander die „Metamorphosen“ im Jahr 1604. 

Die Entschlüsselung der Kunstwerke war dabei stets ein Bildungsquiz an der Pforte zum Club der Eliten. Am Eingang der Amsterdamer Ausstellung schärft nun  ein kleiner dicker Junge (Amor) in einem Gemälde von Nicholas Poussin seinen Pfeil an der Milch, die aus den Brüsten einer nackt ausgestreckten Frau (der Göttin Venus) hervorquillt. Was das bedeutet, lernt man nicht im Dschungelcamp. 

Die Liebe ist aber längst nicht die einzige Kraft, die bei Ovid Veränderung herbeiführt. Sehr oft ist es schlicht und einfach: Gewalt. Medusa etwa erhielt ihr schreckliches Äußeres, mit Haaren aus Schlangen und versteinerndem Blick,  als Strafe, weil der Gott Neptun sie im Tempel der Minerva vergewaltigte. Es ist „ein Fall dessen, was wir heute victim-blaming nennen“, schreibt der Kurator Frits Scholten im Katalog. 

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„Grab them by the...“

Als Vergewaltigung muss man in heutiger Sprache auch den „Raub der Europa“ bezeichnen. Die von Jupiter in Gestalt eines Schwans bestiegene Leda, die in Form eines Goldregens geschwängerte Danaë und die von dem in eine Wolke gehüllten Gott „verführte“ Nymphe Io wurden zwar als poetische Bilderfindungen umgesetzt – die um 1530 geschaffene Io-Darstellung Correggios, eine Leihgabe aus dem Wiener KHM, ist ein Highlight der Schau. Um einen Übergriff geht es in dem Werk dennoch.

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Um die Einsicht, dass die Erzählungen ein Machtgefälle als gott- oder naturgegeben einzementieren, führt in der Ausstellung wenig vorbei: Die Götter nehmen sich, was sie wollen, und kommen davon – so wie der US-Präsident einst nichts dabei fand, Frauen intim zu berühren, wenn man nur berühmt genug ist.   

Während die Mächtigen ihre Gestalt bei Ovid nach Belieben wandeln können,  bleiben jene, die sich auflehnen, in ihrer Umformung gefangen: Daphne entgeht der Vergewaltigung durch Apoll, bleibt aber ein Olivenbaum.  Arachne verliert den Webe-Wettstreit gegen Minerva und wird zur Spinne. Marsyas, der die schlechte Idee hatte, gegen Apoll in einer Art Song Contest anzutreten, wird brutal gehäutet. Man darf fragen, warum dieser Bilder- und Bildungskanon über Jahrhunderte bei Herrschern so beliebt war – und ob er so fortgeschrieben werden muss.  

Ovid, vegan und nonbinär

Die Ausstellung arrangiert ihr Material aber nicht in jener anklagenden Perspektive, die zuletzt viele kritische Diskurse im Gefolge der Woke-Kultur kennzeichnete. 

Sehr wohl nähert sie Ovid aber an Denkstränge des  jungen Bildungsbürgertums von heute an: Der Dichter, erfahren wir, sah etwa eine Einheit zwischen Tier und Mensch und wendete sich   gegen den Fleischkonsum (Buch 15: 463-478). Mit der Erzählung des Hermaphroditus  (4:373-380) ließ er gar Geschlechtergrenzen verschwimmen. 

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Die Ausstellung präsentiert dazu die römische Figur des „Schlafenden Hermaphroditen“, zu der der Barockbildhauer Gian Lorenzo Bernini um 1620 eine wunderbar stofflich anmutende  Matratze aus Marmor meißelte: Es wirkt, als wolle er selbst vorexerzieren, wie etwas scheinbar Unveränderbares in den Händen eines Künstlers doch formbar wird.

Malen, zeichnen, formen

Die Idee, dass die Kunst die beispielhafte, permanente Metamorphose sei, bleibt als kleinster Nenner am Ende hängen. Sie verbindet Auguste Rodins rohe Gipsfiguren („Die Erde“) und Wachsköpfe des Italieners Medardo Rosso mit dem Mythos von Pygmalion – jenem Bildhauer, der sich in seine eigene Schöpfung verliebt, sich dabei aber auch in die Position des dominanten Schöpfergottes hebt.

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Dient die Kunst also der Ermächtigung, kann sie die Verhältnisse umformen? Oder erschöpft sie sich am Ende doch nur darin, Herrschaft zu legitimieren? Die Ausstellung bleibt dazu vage. Und so verharrt man am Ende unentschlossen wie der „Narziss“ in Caravaggios raffiniertem Gemälde von 1597/’98, Der junge Mann betrachtet sein Spiegelbild, in das er bekanntlich verliebt ist. Er ist kurz davor, die Hand ins Wasser zu tauchen, um seine Illusion zu zerstören. Doch noch tut er es nicht.

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