Joaquin Phoenix als Comic-Superheld „Joker“ ist ein Favorit unter den Männern: Oscar-Nominierung für  Besten Darsteller 

© Warner Bros.

Kultur
01/13/2020

Oscar-Nominierungen: Der weiße Mann hat wieder gewonnen

„Joker“ erhält elf Nominierungen, gefolgt von Sam Mendes’ „1917“, Tarantinos "Once Upon a Time ... In Hollywood" und Scorseses "The Irishman".

von Alexandra Seibel

„Ich gratuliere all diesen Männern“, sagte die schwarze Schauspielerin Issa Rae – und meinte damit jene Herren, die in der Kategorie Beste Regie nominiert worden waren.Damit ist die erste brennende Frage rund um die 92. Oscarpreisverleihung beantwortet:

Nein. Wieder einmal hat es keine Frau geschafft, die Chance auf einen Oscar als beste Regisseurin zu bekommen. Greta Gerwig hatte man mit ihrer akklamierten Literaturverfilmung „Little Women“ noch die größten Chancen eingeräumt, doch sie ging in der sogenannten „Königskategorie“ leer aus. Stattdessen erhielt sie eine Nominierung für das beste adaptierte Drehbuch.

Männerrunde

In der Meisterklasse der potenziell besten Regisseure des vergangenen Kinojahres tummeln sich die Großkaliber des gehobenen Hollywoodkinos. Martin Scorsese wurde für sein Netflix-Mafiaepos „The Irishman“ nominiert; Todd Philipps steht mit „Joker“ auf der Regie-Auswahlliste; hinzu kommt Quentin Tarantino mit seiner allseits beliebten Hollywood-Hommage „Once Upon a Time ... In Hollywood“; Sam Mendes reüssiert erneut mit seinem Kriegsfilm, dem Golden-Globe-Gewinner „1917“. Und Cannes-Gewinner Bong Joon-ho aus Südkorea triumphiert mit „Parasite“.

Damit riss „Parasite“ die Mauern des „Auslands-Oscars“ (der sich nun „Bester internationaler Film“ nennt) nieder und erhielt Nominierungen in weiteren Kategorien wie Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Schnitt und Bestes Produktionsdesign.

Geht es um die bloße Anzahl der Nominierungen, so liegt „Joker“ mit insgesamt elf an erster Stelle, dicht gefolgt von Mendes’ „1917“, Tarantinos „Once Upon a Time“ und Scorseses „The Irishmen“ mit je zehn Nominierungen.Bei der letzten Golden-Globe-Verleihung hatte Netflix überraschend abgebissen und – im Vergleich zu seinen zahlreichen Nominierungen – nur wenig Preise einfahren können. Die Traditionalisten in Hollywood freuten sich: Endlich die gerechte Bestrafung für den Streaming-Giganten, der seine Filme nur in wenigen Kinosälen zu starten pflegt.

Auch bei der kommenden Oscar-Preisverleihung am 9. Februar wird es zum Showdown zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Hollywood kommen. Netflix hat wieder einmal einen gigantischen Werbeaufwand betrieben und sich für die Oscars über 20 Nominierungen gesichert.Noah Baumbachs exquisite Dramedy „Marriage Sotry“ lukrierte für Netflix sechs Nominierungen, darunter für Scarlett Johansson als beste Schauspielerin, Adam Driver als bester Schauspieler und Laura Dern als beste Nebendarstellerin. Ganz zu schweigen von Martin Scorseses „The Irishman“, der der Streamingplattfom die bereits etwähnten zehn Nominierunggen eintrug.

Robert De Niro hat es als „The Irishman“ nicht auf die heuer besonders blutig umkämpfte Nominierungsliste für den besten Schauspieler geschafft. Durchsetzen konnten sich dafür – wie erwartet – Joaquin Phoenix für „Joker“, Adam Driver, Leonardo DiCaprio für „Once Upon a Time ... In Hollywood“, Antonio Banderas als Alter Ego für Pedro Almodóvar in „Pain & Glory“ und Jonathan Pryce als Papst Franziskus in Netflixs „Zwei Päpste“. Pryce schlug damit beispielsweise die britische Konkurrenz in Form von Taron Egerton als „Rocketman“ aus dem Feld.

 

Zweimal Scarlett

Bei den Damen führt Renée Zellweger für ihre Performance als „Judy“ das Feld in der Kategorie

Beste Schauspielerin an. Scarlett Johansson erhielt neben ihrer Nominierung als Beste Hauptdarstellerin in „Marriage Story“ gleich eine weitere als beste Nebendarstellerin in der Hitler-Farce „Jojo Rabbit“.

Nicht-weiße Schauspieler und Schauspielerinnen wurden weitgehend übersehen, sieht man von der Nominierung der britisch-nigerianischen Darstellerin Cynthia Eriva aus dem historischen Sklavendrama „Harriet“ ab.

Die Oscar-Academy-Mitglieder sind eben immer noch zu 68 Prozent männlich und zu 84 Prozent weiß.