"Wozzeck" an der Grazer Oper: Eine Hölle auf Erden

Musikalisch suggestiv mitreißender „Wozzeck“ von Alban Berg mit starken Bildern am Opernhaus Graz.
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Unheimlich, düster, grauschwarz ist die archaisch anmutende Landschaft. Sie erinnert mit dem Hügel, dem verdorrten Buschwerk und den Riesenbäumen an Bilder alter Meister, Reminiszenzen an „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin werden wach. Darüber thront fallweise ein dunkler, riesiger Mond.

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In diesem gefangenmachenden Ambiente mit starken Bildern wie aus einem Horrorfilm (Bühne: Gideon Davey) spielt der „Wozzeck“ von Alban Berg am Grazer Opernhaus.

In einem sich auch drehenden Labyrinth hetzt der Titelheld unstet herum und wird gleich zu Beginn völlig nackt von allen Protagonisten mit kahlen Köpfen in futuristisch skurrilen Kostümen (Klaus Bruns) gepeinigt und erniedrigt.

Teils ziemlich weit weg vom Realismus, sondern vielmehr in der Kopfwelt des Antihelden mit Wahnsinn und inneren Stimmen spielend findet dieses Zieldrama in der zwingenden Inszenierung von Evgeny Titov statt, der hier am Haus schon „Tannhäuser“ und an der Wiener Staatsoper „Iolanta“ inszeniert hat.

Ein Schlüsselwerk

Er zeigt eine Hölle auf Erden. Von Tod, Leid und Armut handelt aber auch diese bahnbrechende Schöpfung, basierend auf einen Torso von Georg Büchner, mit immer noch ungemein „modern“ klingender atonaler Musik, ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts und vor 100 Jahren uraufgeführt.

Getragen haben den Abend aber ebenfalls hochklassige Singschauspieler. Sie erfüllen auch den teils geforderten rhythmischen Sprechgesang mit exemplarischer Deutlichkeit: Daniel Schmutzhard singt und spielt den dumpfen, gequälten und ausgenützten Antihelden exzellent und gibt nicht nur eine präzise, fragile immer gefährlicher werdende Studie der Figur ab, sondern gibt ihr auch stimmlich starkes Profil.

Annette Dasch stellt seine untreue Geliebte Marie mit expressiven, unter die Haut gehenden Einsatz dar, stößt aber fallweise an ihre Grenzen.

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Thomas Ebenstein ist ein exzellenter Hauptmann von großer Intensität, der die extremen Höhen der Partie mühelos bewältigt. Daeho Kim singt den dick ausstaffierten Doktor kraftvoll. Matthias Koziorowski ist ein sehr männlicher, überheblicher Tambourmajor.

Auch die kleineren Partien mit Ted Black (Andres), Neira Muhić (Margret) Martin Fournier (Narr) und der Chor (Johannes Köhler) singen ohne Makel.

Beispielhaft

Ein großes Kompliment ist auch den Grazer Philharmonikern auszusprechen. Unter dem Chefdirigenten Vassilis Christopoulos wird die extrem diffizile Partitur, die für jeden Klangkörper eine schwere Aufgabe darstellt, mit beispielhafter Transparenz, präziser Sicherheit, multiplen Abstufungen und packender Intensität musiziert: Schneidend, kreischend, aufwühlend, mit eindrucksvoller Wucht, aber auch feinschattiert klingt es aus dem Orchestergraben. Und so wird man unweigerlich vom Sog dieser Musik mitgerissen. Jubel!

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