Oper Graz: Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen bei Strauss
Ziemlich dekadente Gesellschaft am Rande des Untergangs: "Der Rosenkavalier"
Von: Helmut Christian Mayer
„Die Zeit, die ist ein sonderbar’ Ding“: Diese tiefsinnigen Worte von Hugo von Hofmannsthal aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss nimmt Philipp M. Krenn wörtlich und lässt in seiner Inszenierung am Grazer Opernhaus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Er vermag dabei die Vergänglichkeit der Zeit mit dichten und turbulenten Mitteln zu darzustellen. So wird die ziemlich dekadent präsentierte Gesellschaft am Rande des Untergangs optisch vom Barock über die 1970er bis in die Gegenwart in ebensolchen Kulissen (Momme Hinrichs) und Kostümen (Eva Maria Dessecker) gezeigt.
Regen Gebrauch macht der österreichische Regisseur von der Drehbühne, die sich ständig zwischen Foyer, Küche, Billard- und Schlafzimmer bewegt. Dabei erstaunt, wie schnell jeweils die Bilder umgebaut werden. Wenn im Libretto wenig passiert, setzt er auch Projektionen ein. Nur teils dezent, vielfach reizüberflutend sind sein Übermaß an Regieeinfällen. Wobei er bei den musikalisch-magischen Momenten durchaus die Zeit stillstehen lässt.
Die Marschallin erkennt in der jungen Braut Sophie sich selbst wieder und beobachtet im Mittelakt das Geschehen als Erinnerung an ihre eigene Vermählung. Am Ende starrt der sehr alt gewordene Feldmarschall neidvoll auf das frische Glück von Octavian und Sophie.
Silbrige Raffinessen
Subtile Sensibilität findet man überwiegend im Musikalischen. Der souveräne Vassilis Christopoulos am Pult weiß die Grazer Philharmoniker zu Höchstleitungen zu animieren. Bis auf so manche zu wenig packende Akzente und zu dynamische Zurückhaltung zugunsten der Sänger werden die silbrigen Raffinessen und der Farbenkosmos von Strauss ausgekostet.
Teils leichtstimmig, aber schwärmerisch singt Polina Pastirchak die Marschallin. Sofia Vinnik verleiht dem Octavian jugendliche Kraft und Souveränität. Tetiana Miyus singt die Sophie mit schillernder Klarheit und höchster Intensität. Vor allem im finalen Terzett gelingen Damentrio magische, tiefberührende Klänge. Wilfried Zelinka ist ein eher untypisch eleganter, viel zu zurückhaltender und kaum rüpelhafter Ochs mit seinem schlanken Bass, dem auch die Doppelrolle als normalerweise nicht auftauchender Feldmarschall zum Finale zukommt. Er wird fast ständig von einem Kamerateam begleitet. Ideal besetzt ist Ivan Oreščanin als Faninal. Überzeugen können auch Iurie Ciobanu, Corinna Koller, Neira Muhić und Martin Fournier. Großer Jubel!
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