Kultur
27.10.2018

Ö3-Chef Spatt versteht, dass RAF Camora sauer ist

Die Wertung der Charts wurde just dann verändert, als RAF Camora einen historischen Triumph erlebte.

Es war ein einzigartiger Moment: 13 der ersten 14 Plätze der vorwöchigenAustria Top 40“ waren mit Songs von RAF Camora und Bonez MC besetzt. Der Wiener Hip-Hopper und sein deutscher Kollege waren in einer Welt angekommen, die ihnen zuvor verwehrt geblieben war – in der Ö3-Welt. Am 19. Oktober am Abend hätte es fast eine Stunde lang RAF Camora bei Ö3 geben müssen: Neun der Top-Ten-Songs stammten von diesem.

Doch gespielt wurden sie nicht.  Vielmehr wurden aus Anlass des Hip-Hop-Siegeszugs die Spielregeln geändert, nach denen die Charts erstellt werden. Künftig zählen nur noch drei Songs eines Albums für die Charts.  

Und im Ö3-Programm wurde eine Charts-Rekord-Show zwischengeschoben, bei der die Songs des Albums „Palmen aus Plastik 2“ (anhören auf Spotify) nur angespielt wurden. 

Der Triumph wurde unterlaufen – und für die Zukunft unmöglich gemacht. Auf Instagram bezeichnete RAF Camora die Änderungen als "komplett lächerlich".

 

Ö3-Chef Georg Spatt nun stellt sich im KURIER-Interview auf die Seite von RAF Camora. „Ich verstehe, dass er und seine Fans teilweise sehr sauer sind. Ich bin auch nicht ganz glücklich über die Art und Weise, wie wir damit umgegangen sind. Er hat es verdient, gewürdigt zu werden.“ Die  Anlassgesetzgebung hatte die Anmutung einer Geschmackspolizei?   „Auch da muss ich Ihnen recht geben“, sagt Spatt. „Das ist von der Optik her nicht schön.“

Das Interview in voller Länge:

Ö3 sei bei den Charts, betont der Senderchef, Lizenzpartner der IFPI, des heimischen Dachverbandes der Musikwirtschaft, die die Wertung der „sogenannten meistverkauften Musikhits der Woche zusammenstellt“.  

Sogenannt, weil das „eine schwierige Definition“ ist, schwieriger, als man denken sollte. Denn es zählen für die Verkaufscharts nicht nur verkaufte Songs. 

Der Einbruch bei den Tonträgerverkäufen hat zu Änderungen darin geführt, wie Charts erstellt werden. Eine gewisse Anzahl von Streaming-Aufrufen zählt inzwischen auch als Songverkauf  – und damit für die Charts.

Durch diese Wertungsart wurde das Album von RAF Camora erst so erfolgreich. Denn die Fans haben alle Songs so oft gestreamt, dass sie die Charts derart dominierten. Was nach der Regeländerung nun unmöglich ist. Spatt hat „volles Verständnis dafür, dass es da eine gewisse Unzufriedenheit gibt. Die teile ich.“

Die Rekord-Sendung jedoch war Teil des Ö3-Programmes – und damit war es also Entscheidung von Ö3, RAF Camora nicht zu spielen? „Jein“, sagt Spatt. „Wir haben in der Lizenzvereinbarung klare Regeln, wie diese Sendung zu erfolgen hat. Aber ja, sie ist selbstverständlich in der redaktionellen Verantwortung von Ö3. Wir haben uns entschieden, nicht eine Stunde durchgängig RAF Camora zu spielen.“ Bei Acts, die „mit dem Musikprogramm, das die Ö3-Hörer  im Allgemeinen erwarten, nicht ganz konform“ gehen, „nimmt man eine gewisse redaktionelle Gestaltung vor, die dann für die Kritiker danach aussieht, als würde man RAF Camora zensurieren.“ 

 

Droht man da als Musiksender nicht, den Anschluss zu verlieren? „Ich glaube nicht, dass wir den Anschluss verlieren. Wir bemühen uns zumindest, ihn nicht zu verlieren. Ein Sender wie Ö3 ist beim Erkennen und beim Abbilden von Trends immer sehr gefordert – manchmal auch überfordert.“

Genugtuung

Ein rechtliches Problem, die Songs von RAF Camora zu spielen, gebe es nicht, sagt Spatt."RAF Camora ist ein sehr, sehr erfolgreicher Künstler. Sein Erfolg ist vollkommen legitim und erarbeitet. Und er verweist aus der Emotion heraus vollkommen zurecht darauf, dass er in Österreich von Radiostationen – Ö3 und anderen – und von der Industrie lange Zeit ignoriert wurde. Und mittlerweile die Charts dominiert und die Stadthalle wahrscheinlich gleich zwei Mal ausverkauft. Er freut sich. Und sagt wahrscheinlich mit einer gewissen Genugtuung: Das habt’s davon."

Die Änderung des Reglements sei auch international zu bemerken. In Großbritannien etwa dominierte zuletzt Ed Sheeran die Charts.  "In Österreich ist der Anlassfall RAF Camora, in England war das vor ein paar Monaten Ed Sheeran. Das ist ein Phänomen, das wir zur Zeit überall haben." Grund sei auch, die "Vielfalt der Charts besser abzubilden. Das ist auch eine Entscheidung der Musikindustrie – und gar nicht von uns.  Ich nehme zur Kenntnis, dass das zur Zeit international so ist. Für die Radiosendung ist Vielfalt in der Musik ein Gewinn", sagt Spatt.

Und glaubt er selbst den Charts? "Ich glaube den Charts, weil sie lustig sind." Bei der Formel 1 "fahren erwachsene Männer am Sonntagnachmittag zwei Stunden mit schnellen Autos im Kreis und am Ende ist einer Sieger. Und man kann trefflich streiten, ob das Unterhaltung ist. Die Charts sehe ich ähnlich, finde sie darüber hinaus aber nicht wahnsinnig wichtig."