Dandy, Maler, Revolutionär: Ein Nachruf auf David Hockney
Und wieder ist die Welt um eine Jahrhundertfigur ärmer.
Denn der Maler David Hockney, der am Freitag im Alter von 88 Jahren in seiner Londoner Wohnung verstarb, war nicht bloß ein berühmter und einer der weltweit teuersten Maler: Hockney gehörte zu jenen Personen, die über ihr Metier hinaus strahlten und vermittelten, was es innerhalb einer bestimmten Ära bedeutete, ein Künstler zu sein.
Dass man ihn mit Pablo Picasso, Henri Matisse oder Andy Warhol in eine Reihe stellt, ist ebenso wenig verkehrt, wie wenn man ihn mit den Beatles vergleicht: „Er hat dieselbe simple Perfektion“, schrieb der Guardian – „so wie sie den Klang der modernen Welt einfingen, fing er ihr Aussehen ein.“
Offen schwul
Dass zu der modernen Welt, die Hockney in Gemälden, Zeichnungen, Filmen und Collagen einfing, neben schick gekleideten Menschen und Villen mit Swimmingpools auch homosexuelle Paare gehörten, ist ein nicht unwesentlicher Faktor: Der 1937 im nordenglischen Yorkshire geborene Maler stand bereits dazu, schwul zu sein, als dies in Großbritannien noch illegal war. Als Abschlussarbeit am Londoner Royal College of Art reichte er statt des geforderten Frauenakts das Bild eines Männerkörpers aus einem Bodybuilding-Magazin ein. Ein anderes Werk aus seiner Studentenzeit, „We Two Boys Together Clinging“ (1961), gilt als Startpunkt für die vielen Männer-Doppelporträts, für die Hockney in der Folge bekannt werden sollte.
Den Stil, der ihm zum Star der britischen Variante der Pop Art machte, entwickelte Hockney aber erst nach einer USA-Reise 1961: Neben der weniger restriktiven Atmosphäre war er besonders vom Licht und dem Lifestyle in Los Angeles angetan.
1964 übersiedelte er aus dem „Swinging London“ in die Metropole an der US-Westküste, wo einige seiner berühmtesten Motive entstanden: Die „Pool-Bilder“, die als Ikonen von Freiheit, Unbeschwertheit und Hedonismus in das kollektive Bildgedächtnis eingingen und doch auch immer wieder eine Portion Melancholie mitschwingen ließen.
Am Pool
Neben den Motiven von Sonne, Wasser und Highlife waren die Bilder nämlich auch Beziehungsporträts, in denen Momente von Sprachlosigkeit, Einsamkeit und Isolation zum Ausdruck kamen. Der Film „A Bigger Splash“ (1973), nach einem gleichnamigen Gemälde benannt, erzählte mit fiktionalen Elementen angereichert davon, wie Hockney 1971 die Trennung von seinem Liebhaber Peter Schlesinger verarbeitete. Das Bild, das aus diesem Prozess hervorging, hieß „Portrait of an Artist (Pool With Two Figures)“: Es erzielte 2018 bei Christie’s 90,3 Millionen US-$ – damals ein Rekord für das Werk eines lebenden Künstlers.
Zur Vorbereitung des Gemäldes hatte Hockney unzählige Fotos gemacht und arrangiert. Diese Technik verselbstständigte sich bald zu einem wesentlichen Merkmal seiner Kunst: Anders als bei traditioneller Malerei wollte der Künstler weg von dem auf einen einzigen Standpunkt ausgerichteten Bildraum, der, wie er meinte, die Betrachter ausschließe. Stattdessen setzte Hockney – von chinesischer Kunst ebenso wie vom Kubismus inspiriert – auf eine Aufsplittung des Gesehenen in viele Facetten.
Im Atelier
In großen, farbstarken Zyklen wie den „Grand Canyon Paintings“ der 1990er erfand er damit die Landschaftsmalerei in gewisser Weise neu, aber nicht nur das: Der Künstler experimentierte immer auch mit den aktuellen technischen Bildmedien seiner Zeit.
So entstanden Collagen, die Hockney aus einzelnen Polaroid-Fotos zusammensetzte; in den 1980ern verfremdete er Bilder mit dem Fotokopierer. Und als er 1989 eine wandfüllende Arbeit für die Biennale São Paulo liefern sollte, schickte er zahllose Einzelbilder per Fax.
Für den Film „Seven Yorkshire Landscapes“ (2011) montierte er 18 Kameras auf seinem Auto und fuhr durch die Landschaft seiner Kindheit. Und 2023 kreierte er ein „immersives“ Spektakel, für das Bilder auf Boden und Wände projiziert wurden.
Am Land
So aktiv David Hockney bis zuletzt in all diesen Belangen blieb – er war längst nicht mehr der Partytiger, als der er aus der Boheme der 1960er nicht wegzudenken gewesen war. Nach einem Schlaganfall 2012 traf ihn ein Jahr später der Tod seines 23-jährigen Assistenten, der in seinem Haus im Drogenrausch Haushaltsreiniger getrunken hatte – ein Unfall, wie Untersuchungen ergaben. Der Verlust seiner Hörfähigkeit verstärkte zuletzt die Isolation des Künstlers.
Wenn der betagte Hockney doch einmal in der Öffentlichkeit auftrat, blieb er dem aufsehenerregenden Kleidungsstil treu, der stets Teil seiner Künstlerpersönlichkeit gewesen war: Mit karierten Sakkos, Mütze und ausladenden Brillen war Hockney stets unübersehbar.
Bei einem Empfang von Trägern des „Order of Merit“ mit König Charles III. erschien er 2022 in knallgelben Crocs. Den Orden selbst hatte er 2012 nur aus Höflichkeit angenommen – das Angebot eines Adelstitels schlug Hockney ebenso aus wie jenes, die Queen zu porträtieren.
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