Messiaens „Saint François d’Assise“ in Salzburg: Alle Vöglein sind schon tot
Der Pfau, das muss man sagen, hat am Ende des zweiten Teils, nach drei Stunden Musik und der ersten der zwei einstündigen Pausen, das Salzburger Festspielpublikum ganz schön skeptisch angeschaut. Vielleicht auch etwas beunruhigt. Schließlich waren kurz zuvor, bei der monumentalen, nach mehr als sechs Stunden frenetisch gefeierten Premiere von Olivier Messiaens Mammutwerk „Saint François d’Assise“, Dutzende tote Vögel von der Decke der Felsenreitschule herabgefallen.
Klar, es waren Attrappen. Aber als Federtier kann man von der Aufführung der Heiligenoper dennoch durchaus beunruhigt sein, sind doch mehrere jener Vogelarten, deren Gesänge Messiaen in seine 1983 uraufgerührte Oper naturgetreu übernommen hatte, seither ausgestorben. Schuld sind wir Menschen, und dieser Umgang mit der Schöpfung ist nun wirklich gar nicht im Sinne des Heiligen Franziskus von Assisi, dem sich die einzige Oper des französischen Jahrhundertkomponisten (1908–1992) widmet.
Aus der Menschenperspektive ist jedenfalls von einem in vielerlei Hinsicht außerordentlichen Festspielopernprojekt zu berichten, von einem Triumph für den Dirigenten Maxime Pascal und die Wiener Philharmoniker samt Staatsopernchor. Und von einer intensiven, der Sache dienenden Regiearbeit von Romeo Castellucci, die die existenziellen Kämpfe des oft verklärten, wenn nicht verkitschten Heiligen ins Zentrum stellt.
Es waren dann eh nur 6 Stunden und 11 Minuten statt der angekündigten 6 Stunden 17 Minuten. Aber natürlich hat dieses Werk – 1992 unter Gerard Mortier bereits in Salzburg zu sehen – ordentlich Expeditionscharakter fürs Publikum, noch dazu in der derzeitigen Gluthitze: Das ist auch für die Besucher kein Sommeroperndienst nach Vorschrift, sondern ein Sitzungsmarathon zu den entscheidenden Fragen des Glaubens, der Musik, der Hingabe an die Kunst. Man muss hier einen Einsatz leisten und wird für diesen reichlich belohnt.
In angespanntem Schweigen streift die Titelfigur – intensiv dargeboten vom Bassbariton Philippe Sly – zu Beginn das weltliche Gewand ab und das Büßergewand über. Messiaen erzählt in seinem Werk von der unbedingten Hingabe eines Menschen an den Glauben, auch dann, wenn es über die Grenzen der Existenz geht. Etwa, wenn Franziskus um Kraft dafür fleht, einem Leprakranken (Georg Schwamberger) mit Gnade und ohne Ekel gegenüberzutreten – und ihm dann die Exkremente vom nackten Körper wäscht.
Am Schluss dann sollte der gleiche Leidende wiederum Franziskus die letzte Waschung spenden, bevor dieser ins Paradies entrückt. Ungerührt laufen zum Schlussbild Schafe über die Bühne, diese zeigen im Gegensatz zum Pfau kein Interesse am Festspielpublikum.
Letzteres hatte davor viel zu schauen, wobei die Zusammenfassung hier weit geschäftiger klingt, als die getragene, von gedehnten Szenen geprägte Inszenierung eigentlich ist. Blut fließt und wird aufgewischt, es gibt Wasser und Feuer. Die Erde nimmt nicht nur Franziskus, sondern auch eine Violine auf, denn auch die Musik ist hier heilig und vom Vergehen bedroht. Zu Beginn des letzten Teiles, es ist schon nach 22 Uhr, schwenkt ein überdimensionaler Balken bedrohlich über Orchester und Publikum. Man ist erstaunt über die Bühnentechnik und ein bisschen versöhnt mit den zwei einstündigen Pausen, die die Umbauten erfordern.
Zu den starken Bildern gesellen sich zwar auch plakativere, enger am inneren Abziehbild des mittelalterlichen Lebens gelegene: Es werden von den Glaubensbrüdern Brote gebacken (in echt, der Duft zieht durch die Felsenreitschule), Mehlfontänen an die Wand geworfen und Tonvasen getöpfert, die der reisende Engel (herausragend: die erst 26-jährige Lauranne Oliva) dann zertritt. Manche Massenszenen wirken überdehnt und damit ziellos. Insgesamt aber passiert hier, was immer eingefordert wird: Ein Werk wird getreu der Vorlage auf die Bühne gebracht. Die wenigen Buhrufe im lauten Jubel am Schluss waren wohl eher einer diesbezüglichen gefühlten Publikumspflicht zum Regie-Widerspruch geschuldet.
Keinen Widerspruch gab es zur Musik. Auch hier geschah ganz abstrahiert davon, ob man mit der Musik viel anfangen kann oder nicht, Außergewöhnliches: Wer sich jemals fragt, wozu Festspiele gut sind, wofür sie einst ins Leben gerufen wurden und heute noch ihre Berechtigung haben – hier erfährt man es. Man taucht ein in ein musikalisches Erlebnis abseits der Zwänge eines regulären Spielbetriebs, allein der schiere Maßstab überwältigt: In monumentaler Besetzung geht das Orchester an die Arbeit – 120 Musikerinnen und Musiker, so viele, dass sie die vielbeschäftigte Percussionsektionen rechts und links in der Felsenreitschule noch eigene Balkone bekommen; ein gewaltiger Chor tritt am Schluss an den vorderen Bühnenrand, nachdem man ihn zuvor aus dem Off mit großem Glück gehört hat.
Das bewirkt natürlich allein aus der Wucht heraus ein tolles Erlebnis, das aber multipliziert wird durch die nicht enden wollende, faszinierende Komplexität des Werkes. Dieses lebt von Rhythmus- und Melodiefiguren, die mit- und gegeneinander arbeiten, von Klangeinheiten, die sich etwa bei der Vogelpredigt vom Rest des Geschehens vollständig absentieren und ein Eigenleben entwickeln, von Akzent um Akzent, die in den Händen Pascals keinerlei Gefahr laufen, sich im Laufe des langen Abends in die Unschärfe zu verlieren. Es ist allein musikalisch ein einmaliger Moment. Erfreulich durchgängig die Stimmen im Sänger-Ensemble um Sly.
Wer hier aber brave „Bruder Sonne, Schwester Mond“-Seligkeit erwartet, der wird es mit dem Abend – der genau 800 Jahre nach dem Tod der Titelfigur auf der Bühne kommt – nicht leicht haben. Franziskus wühlt hier vielmehr in den existenziellen Fragen, die den Menschen so betreffen – als Lebewesen, als Gottesschöpfung. Der tiefgläubige Katholik Messiaen hat eine erstaunliche Auseinandersetzung damit hinterlassen, was es heißt, auf der Erde trotz allem demütig zu lieben, und jenseits dieser Erde auf die Gnade zu vertrauen.
Das ist natürlich ein Heimspiel für Castellucci, der oftmals seine eigene Existenz in die Inszenierungen wirft. Am Schluss von „Saint François d’Assise“ läuten die Salzburger Kirchenglocken – drüben stirbt der Jedermann, in der Felsenreitschule fährt Franziskus in den Himmel. Jubel des Publikums, das fast vollständig bis zum Schluss dabei war.
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