Opernstar Elīna Garanča zeigt sich privat und wagt Neues: "Was habe ich zu verlieren?“

Der Opernstar singt erstmals in Grafenegg „Klassik unter Sternen“. Und zeigt sich auch von privater Seite – denn ihr Leben sei schon lange von der Garanča bestimmt. Nun will Elīna auch vorkommen.
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Eine Tradition endet, eine neue beginnt: Erstmals singt Elīna Garanča „Klassik unter Sternen“ in Grafenegg (siehe Kasten unten) – mit vielen Neuerungen. Ein lieb gewonnener Teil des Konzerts übersiedelt nicht mit.

KURIER: Es gibt kein „Ave Maria“ mehr am Schluss?

Elīna Garanča: Nein, das bleibt in Göttweig. Die Wände haben das aufgenommen und ich hoffe, das klingt dort nach.

Grafenegg ist sicher ein toller Ort für „Klassik unter Sternen“. Dass man sich Göttweig aber nicht mehr finanzieren kann, spricht schon ein Problem der Klassik an: Die Kosten steigen, die Kulturbudgets sinken. Merken Sie das in Ihrem Alltag?

Ich glaube, man könnte im Opernbetrieb tatsächlich noch viel mehr überlegen, ob die eine oder andere Produktion tatsächlich notwendig wäre. Sehr oft spielt man eine Serie, die gut ankommt – und dann schmeißt man das einfach weg! Da schmeißt man zugleich einen Riesenhaufen Geld weg. Im Hinblick auf Langlebigkeit sind die Schrauben noch nicht eng genug angezogen. Aber mich betrifft das, ganz ehrlich, nicht so sehr.

Warum?

Ich jage nicht mehr so vielem hinterher wie früher. Ein Großteil meines Lebens ist gelebt. Auch in meiner Karriere habe ich zwei Drittel bereits erlebt. Eigentlich muss ich jetzt anfangen, das graziös ausklingen zu lassen. Durch dieses reduzierte Auftreten merke ich diese Kürzungen nicht mehr so sehr. Das, was ich machen will, mache ich. Aber mir ist schon bewusst: Wie viel wir vor 15 Jahren alle verdient haben, was wir alles auf die Beine gestellt haben, das gibt nicht mehr.

Auch der CD-Markt ist weg.

Der existiert nicht mehr. Und: Wer will denn zum 385. Mal eine Zauberflöte aufnehmen?

Bedeuten diese neuen finanziellen Umstände auch, dass die Opernhäuser mit ihren Inszenierungen mehr darauf achten müssen, dass diese dem Publikum gefallen?

Kunst ist kein Projekt, dass einem Publikum gefällig sein soll. Das Publikum muss durchaus gereizt werden. Und provoziert. Die Frage ist: Mit welcher Nachhaltigkeit? Das große Problem für uns Sänger ist, dass die Handwerkskunst der Regie – Studien über die Psychologie des Charakters, über Beziehungen – nicht mehr oder nur mehr äußerst selten stattfindet.

Sondern?

Das alles wird übermalt mit Installationen, mit Effekten. Das ist nicht langlebig! Das Publikum will im Theater immer noch auf die Emotion in der Stimme reagieren. Da kann man mit einem Pinguinkostüm auf die Bühne gehen – am Ende will das Publikum von der Stimme angesprochen werden. Und das Leiden des Charakters vom Anfang bis Ende erleben.

Spielt auch eine Rolle, dass die Menschen weniger Kaufkraft haben und überlegen, ob sie 150 Euro in eine Opernkarte investieren?

Also, solange eine Tasche bei einer Luxusmarke 12.000 Euro kostet – nein. Es gibt genug Geld, die Menschen stehen Schlange, um solche Sachen zu kaufen. Ich glaube, es geht nicht ums Geld, sondern um die seelische Notwendigkeit, in die Kultur einzusteigen.

Die muss man erlernen.

Das fängt in der Schule an. Man kann nicht immer sagen, die Eltern haben ihre Aufgaben nicht gemacht. Warum müssen alle Kinder Pythagoras und all das lernen – und warum ist die Kultur nicht genau so wichtig? Man muss ja nicht gleich mit Wagner anfangen! Die Kinder sitzen mit offenem Mund bei der „Zauberflöte“. Es fehlt hier das Interesse, der gesellschaftliche Druck. Und es muss heute alles schnell gehen, in einer halben Stunde. Ich bin auch ein Netflix-Opfer! Aber wenn man dann einen tollen Film sieht, vergehen zweieinhalb Stunden wie im Flug. Das Gleiche gilt für die Oper.

In Grafenegg stehen auch sie als Person im Zentrum – es gibt einen „Erlebnispfad Elīna“, also quasi über die private Elīna Garanča. Wie gehen Sie mit dem Spagat zwischen öffentlich und privat um, mit dem Druck, Persönliches preiszugeben?

Man sieht das bei mir auf Instagram: Es gibt keine Familienfotos. Und auch wenige Selfies. Ich finde Selfies einfach dämlich. Gleichzeitig ist mir natürlich bewusst, dass die Menschen mich kennenlernen wollen. Und ich bin jetzt auch dazu bereit, mich anders zu zeigen. Denn mir ist der Kontakt mit lebendigen Menschen viel wichtiger, als eine Kunstfigur darzustellen. Seit Jahren wird mein Leben von Garanča diktiert. Elīna will jetzt auch vorkommen. Und ich habe viel zu erzählen. Denn ich habe sehr viel erlebt.

Wofür steht die private Elīna?

Die Menschen können auch die klassische Musik anders kennenlernen. Und sehen, dass wir ganz normal Menschen sind, die morgens die Zähne putzen müssen und sich Sorgen machen, was wir zum Abendessen kochen können. Vielleicht komme ich tatsächlich mit meinen Mädchen dorthin und gehe mit dem Hund spazieren und komme mit anderen Hundemamas oder Hundepapas ins Gespräch.

Und wie beeinflusst die Garanča die private Elīna? Man könnte sich vorstellen, dass man all diese riesigen Emotionen, die man als Sängerin verkörpert, nicht so einfach auf der Bühne lassen kann.

Ich bereite mich derzeit auf viele Rollen vor, die schwierig sind. Ich besteige die nächsten Mount Everests, diesmal aber auf der Nordseite. Denn was habe ich zu verlieren? Wenn ich mich jetzt kaputtsinge, kann ich zurückblicken und sagen, ich habe mir wirklich 30 Jahre lang eine ordentliche Karriere geleistet. Jetzt ist die Zeit für Partien wie die Medea. Das reizt mich wahnsinnig. Als Mutter von zwei Kindern zu erforschen, was eine Mutter dazu treibt, ihre Kinder zu ermorden. Dass die Elīna da ihre eigenen Lebenserfahrungen einbringt, ist wohl klar. Aber ich kann das gut trennen. Ich glaube nicht, dass ich zu Hause zur Medea werde (lacht).

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