„Music, Fashion, Film“ von Charli xcx: Headbangen, aber vorsichtig
Ist gern selbst Regisseurin ihres eigenen Lebens: Charli xcx.
Nicht einmal ein kleines Pinselstricherl Grün ist mehr auf Charli xcxs neuem Album zu finden. Das ist nämlich in Schwarz-Weiß gehalten. Und auch von „Brats“ ist keine Spur mehr. Ja, man muss fast sagen: im Gegenteil. Statt frechen „Gören“ sitzen da drei sprichwörtliche „alte weiße Männer“, nämlich Martin Scorsese, John Cale und Marc Jacobs. Das passt aber insofern, weil das Album „Music, Fashion, Film“ heißt – und genau dafür stehen diese drei Herren.
Vor zwei Jahren setzte die britische Popmusikerin Charli xcx mit ihrer Platte „Brat“ ein veritables Lifestyle-Phänomen in Gang. „Brat Summer“ hieß das, und es ging längst nicht mehr nur um Musik, die in dem Fall Elektropop und Dance war.
Das Albumcover mit John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese
Selbstbewusst nachlässig
Geschickte Marketingstrategien sorgten dafür, dass das Neongrün – das sich in extra gemixten Cocktails genauso fand wie in viralen Videos, in denen sich Fans in giftgrünen Flixbus-Sitzen filmten – für eine andere weibliche Selbstermächtigung stand, als sie etwa eine Beyoncé in ihrer makellosen Perfektion vermittelt. Als „Brat“ konnte man sich eine selbstbewusste Nachlässigkeit erlauben, BH weglassen inklusive.
Sogar der US-Präsidentschaftswahlkampf blieb vom „Brat Summer“ nicht unberührt. Als Kamala Harris ihre Kandidatur bekannt gegeben hatte, wurde sie von Charli xcx höchstpersönlich als „Brat“ mit einem entsprechenden Tweet geadelt. Die Politikerin bzw. ihr Team griff das dankbar auf und baute das grüne Lob gleich in die Kampagne ein.
Den „Brat Summer“ hat Charli xcx im September 2024 für beendet erklärt und dem noch in der Mockumentary „The Moment“ Nachdruck verliehen – eine Satire, in der sie den Hype parodiert und sich auch ein bisschen dafür geniert.
Sarkasmus
Mit derselben sarkastischen Einstellung startet auch das neue Album: „Rock Music“ heißt der erste Song. Er macht sich über Charli xcxs Image als Stilerneuerin lustig und nimmt gleichzeitig den Hang zur oberflächlichen Interpretation im Popgeschäft aufs Korn. Es schrammeln also die E-Gitarren und Charli xcx singt mit trägem Organ, dass der Dancefloor tot ist und deswegen nun Rockmusik angesagt ist. Dazu werde sie jetzt auch Headbangen, kündigt sie an, wobei das schon auch wehtut, leider. Mit einem ironischen „Wow“ wird das neue Genre im xcx-Portfolio willkommen geheißen.
Und es stimmt ja: Elektrische Saiteninstrumente dominieren die meisten Lieder, auch antreibende Drums sind dabei. In „Card declined“, einem Song, der bemerkt, dass man sich mit Konsum kein neues Leben kaufen kann, zum Beispiel sind sie aber nur Klangteppich für – ohne geht es heute nicht – eine verfremdete Stimme.
Gitarren im Elektro-Stakkato
In „2007“, einer fast nostalgischen Rückschau auf ein Leben, dem ein Popstardasein noch bevorsteht, sind sie im Elektro-Stakkato ein anregender Reibebaum. In „Yeah“, einer Betrachtung über die Kunst des Gleichzeitig-Wollens von zwei Gegenübern, dürfen sie eine energetische Hauptrolle spielen. Den größten Ohrwurmfaktor hat wohl „SS26“, eine muntere Hymne für den Weltuntergang. Da nimmt einem Charli xcx mit säuselnder Stimme die Hoffnung, denn „wir befinden uns auf einem Laufsteg direkt in die Hölle.“ Und da wird uns gar nichts helfen, auch nicht „Music, Fashion, Film“, womit sie ihren Albumtitel forsch ad absurdum führt.
Aber vielleicht ist alles nur gespielt? Im Video zu „Camera“ inszeniert sie Vincent Cassel als Regisseurin in einer pannenreichen Sterbeszene. Aus der Dreifaltigkeit von „Music, Fashion, Film“ ist Letzteres das präsenteste Genre. Das kommt nicht von ungefähr, hat die Sängerin doch heuer auch schon den Soundtrack zur Literaturverfilmung „Wuthering Heights“ veröffentlicht. Mit John Cale, einem der drei Herren auf dem Cover.
Unsterblichkeit - Fehlanzeige
Apropos Cover: Martin Scorsese ist mit seiner Stimme nicht auf dem Album präsent, aber David Cronenberg. Im experimentellsten Song „No one lasts forever“ räumen Sängerin und Filmregisseur mit dem Mythos des Künstlers, der durch seine Kunst ewig lebt, auf.
Ein würdiger Schlussakkord eines Popalbums, in dem einiges an Gedankenarbeit und Psychohygiene steckt, ohne dass es ihm den Schwung raubt.
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