Autorin Mirna Funk: "Nicht-Juden wollen nicht mehr mit Juden arbeiten"

Frau -Mirna Funk -  mit langen dunklen Haaren trägt schwarze Lederjacke und schwarze Hose mit weißem Streifen, sitzt vor grauem Hintergrund.
Autorin Mirna Funk im Interview mit dem KURIER über ihren neuen Roman „Balagan“, das Leben in Tel Aviv und die Isolierung von Jüdinnen und Juden seit dem 7. Oktober.

„Balagan“ heißt auf Hebräisch Chaos. So heißt auch der neue Roman von Mirna Funk. Und Chaos hat ihre Protagonistin Amira auf vielen Ebenen. Beruflich steht sie vor den Scherben ihres Online-Lifestyle-Magazins, privat hat der Tod ihres Großvaters Max sie aus der Bahn geworfen. Auch, weil er ihr etwas vererbt hat, was es eigentlich nicht geben sollte: die nie restituierte Kunstsammlung der Familie. Der folgende Familienstreit allein würde schon an weiterem Chaos reichen, aber es gibt noch etwas, was Amira nicht im vollen Umfang über ihren Großvater, der einst mitgeholfen hat, den Staat Israel aufzubauen, weiß.

„Balagan“ ist aber auch ein Roman über jüdisches Leben in Berlin, in kunstaffinen Kreisen, nach dem 7. Oktober. Darüber spricht Funk, die auch Kolumnen über jüdisches Leben in der „Vogue“ schreibt, und deren Lesungen (am 18. März in Wien) nicht mehr ohne Polizeischutz stattfinden, im Interview.

KURIER: Amira zieht am Ende von Berlin nach Tel Aviv. Sie leben mittlerweile auch da. Warum?

Mirna Funk: Ich lebe seit anderthalb Jahren in Tel Aviv und seit Juli letzten Jahres ist es mein Hauptwohnsitz mit meiner Tochter. Man kann nicht sagen, ich bin ausschließlich wegen des politischen Klimas nach Israel gegangen. Es hat persönliche, politische, meteorologische Gründe. Ich habe schon 2014 anderthalb Jahre dort gelebt. Der Vater meiner Tochter lebt in Tel Aviv, sie hat dort viel Familie, der größte Teil meiner Familie lebt auch in Israel. Mir war auch wichtig, dass meine Tochter Hebräisch lernt.

Die ständige Gefahrenlage in Israel bekümmert Sie nicht?

Ja, das Land ist nicht ungefährlich. Es ist ein Land, das zwar im Moment nicht mehr im Krieg ist, aber natürlich einer Kriegsbedrohung ausgesetzt ist. Aktuell kommt die Kriegsbedrohung vom Iran und wir fragen uns alle seit zwei Wochen, wann geht es los und bereiten uns darauf vor. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass es gerade Europäern schwerfällt, zu verstehen, warum jemand in ein solches Gebiet zieht. Gleichzeitig kennen die meisten Menschen, die diese Fragen stellen, eben Israel nicht und die Mentalität und den Vibe. Das Zusammenleben ist qualitativ so hochwertig und so schön, dass man das einfach in Kauf nimmt.

In Ihrem Buch ist der Antisemitismus in der linken Kulturszene Thema. Wie hat sich das entwickelt?

Gerade der Antisemitismus innerhalb der Linken, mit dem wir es derzeit verstärkt zu tun haben, der ist ja nicht jetzt erst entstanden, sondern war besonders stark in der 68er-Bewegung. Wir haben es innerhalb der radikalen Linken schon seit den 60er-Jahren mit einem unfassbaren Hass auf Israel und damit eben auch auf Juden zu tun. Und das ebbte in den 80ern und 90ern ein bisschen ab. Man hat sich sehr auf den Antisemitismus der Rechten konzentriert und den darf man auch überhaupt nicht ignorieren. Aber die Bedrohung für Juden aktuell findet sich eher in der Linken oder in den migrantischen Kreisen. Schon in den letzten zehn Jahren haben viele Leute Teile ihres Freundeskreises verloren, zum Beispiel während des letzten großen Gaza-Kriegs 2014. Danach akzeptierte die progressive Kultur-Bubble Juden immer noch bisschen, weil wir als Minderheit galten, mit denen sie sich auch irgendwie schmücken wollten. Gleichzeitig hat sich der Antizionismus in den letzten fünf Jahren – seit Corona und seit Black Lives Matter – in dieser Bubble enorm etabliert. Und wenn man sich als Jude oder Jüdin nicht eindeutig antiimperialistisch und antizionistisch positioniert hatte, war man sowieso schon draußen. Man konnte noch miteinander befreundet bleiben, aber nur wenn man sich nicht zu Israel geäußert hat. Der 7.Oktober hat alles nun grundlegend verändert. Es gibt jetzt keine Menschen mehr in Deutschland, die antizionistisch denken und einen anerkennen, wenn man nicht antizionistisch denkt.

Welche Folgen hat das für Jüdinnen und Juden?

Es hat zu einer unfassbaren Isolation und Ghettoisierung innerhalb der jüdischen Community geführt. In dem Moment, in dem ich mit nicht-jüdischen Kreativen zusammenarbeite, möchten die im Zusammenhang mit mir nicht genannt werden. Das ist auch im Zuge der Veröffentlichung gerade wieder passiert.

Im Roman sagt einmal eine (jüdische) Fotografin, mit ihr will niemand mehr arbeiten.

Ja, und Kritiker, die schreiben, das ist alles so klischeehaft und so holzschnittartig beschrieben – da antworte ich, ja das behauptet Ihr, weil Ihr nicht ertragt, dass es die Wahrheit ist. Aber es ist so. Meine Protagonistin Amira hat ja auch nur jüdische Unternehmen beschäftigt, aus Sorge, dass sonst nicht alles klappt bei ihrer Galerie-Eröffnung. Das ist nicht erfunden. Und es ist nicht dramatisiert.

Würde man nicht im Kunstbereich mehr Reflexionsfähigkeit erhoffen?

Antizionistisch zu denken, Israel als Unterdrücker zu begreifen und die USA und Israel als westlich-imperialistische Kraft, die Menschen unterdrückt, das ist einfach ein Narrativ, das im Moment absolut trendy ist. Die Menschen, die so denken, sind davon überzeugt, auf der richtigen moralischen Seite zu stehen, die sind überzeugt davon, dass sie die Weltlage begriffen haben und dass dieses binäre Weltbild die Realität widerspiegelt. Also dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Und solange man sich in diesem binären Weltbild befindet, spielt Reflexion keine Rolle, denn sie haben sich ja auch schon selbst erklärt, warum sie keine Antisemiten sind.

Ich glaube auch, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir diese Leute immer nur als Antisemiten bezeichnen. Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich langsam mehr darauf konzentriert, Antizionismus als Diskriminierungsideologie zu verstehen. Dass es sich bei beidem um Juden dreht, ist richtig, aber dennoch äußert es sich anders. Genauso wie Antijudaismus und Antisemitismus sich voneinander unterschieden haben. Antijudaismus ist: Die Juden und ihre Religion sind böse, die haben Jesus getötet. Dann kam Antisemitismus: Die Juden haben keine Seele, die sind keine richtigen Menschen, die müssen vernichtet werden, damit wir erlöst werden. Das ist eine klassische NS-Ideologie. Und jetzt haben wir eben Antizionismus, die Juden dürfen keinen Staat haben. Und es wird auch nach Antizionismus noch etwas Neues geben in 100 Jahren. Davon bin ich überzeugt.

Was sagen Sie zur Diskussion „Israel beim Song Contest – Ja oder Nein“?

Ich sage nur: Was wir an Boykott gegenüber israelischen Künstlern oder israelischen Unternehmen jetzt sehen, ist nur der Anfang. Die israelische Gesellschaft weiß das auch, dass wir in den nächsten zehn bis 20 Jahren eine ganz starke Isolierung Israels erleben werden innerhalb der Welt. Es wird noch ein paar Verbündete geben, aber es wird nicht mehr viele geben. Das wird erstmal nicht einfach sein, aber das ist auch nicht nur schlecht.

Warum?

Weil Israel und Juden die Fähigkeit haben, in der Isolation aufzublühen. Das ist sozusagen Teil der jüdischen Geschichte, in der Isolation sehr, sehr produktiv zu werden. Das ist einfach immer so gewesen. Von den 7,5 Millionen Diaspora-Juden wird sicherlich ein großer Teil nach Israel emigrieren in den nächsten 20 Jahren. Viele Leute, die wissenschaftlich, technologisch enorm fortgeschritten sind. Und wir werden uns einfach auf uns selbst konzentrieren. Die Leute verstehen nicht, dass Isolation und Boykott Israelis und Juden nicht bricht.

In Ihrem Roman steht einmal, dass die Gedenk-„Stolpersteine“ nur eine „ständige Erinnerung daran sind, dass wir den Deutschen nicht vertrauen können.“ Sehen Sie die wirklich so?

Ja, das ist so. Diese Stolpersteine bedeuten für Juden wirklich anderes als sie für Nicht-Juden bedeuten.

Noch etwas brutaler formuliert ist in Ihrem Buch das Zitat von der „Verzweckung der Juden – vom Lampenschirm zum Mahnmal“. Empfinden Sie Erinnerungskultur auch problematisch?

Ja, natürlich, total problematisch. Es ist die totale Verzweckung und Objektivierung, die einfach weitergeht. Das ist das Reden über und das Benutzen von Juden ohne Juden. Das findet ja die ganze Zeit statt. Insbesondere in antifaschistischen Kreisen. Denen ist der Jude völlig egal. Denen ist auch der Holocaust egal. Die brauchen ihn einfach für die Erzählung. Der Jude muss auch tot sein: Er muss tot sein, um zu beweisen, warum der Faschismus böse ist.

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