"Skandal vor Song Contest": ORF-Affäre Weißmann in internationalen Medien
Die weltweit agierende Presseagentur Reuters, mit Sitz in London, berichtete am Montag, 9. März um 10:37 Uhr
"Der Generaldirektor des österreichischen Rundfunksenders ORF, der in zwei Monaten den Eurovision Song Contest ausrichtet, ist aufgrund von Vorwürfen sexueller Belästigung durch eine Frau zurückgetreten. Er weist die Vorwürfe zurück, wie der ORF am Montag mitteilte. In einer Erklärung, in der der Rücktritt des 57-jährigen Roland Weißmann „mit sofortiger Wirkung“ bekannt gegeben wurde, dankte der ORF ihm für seine 30-jährige Tätigkeit im Sender und erklärte, die Anschuldigung müsse schnell und transparent untersucht werden."
Die deutsche Presseagentur dpa berichtete am Montag unter dem Titel "Belästigung oder falscher Vorwurf? ORF-Chef tritt zurück" weitere Fakten der noch jungen Affäre:
"Der 57-Jährige weist den Vorwurf nach Angaben seines Anwalts Oliver Scherbaum zurück. Der Schritt erfolge allein, weil Weißmann Schaden vom Unternehmen abwenden wolle, so Scherbaum. Der Stiftungsrat des ORF sei von einer Mitarbeiterin über unangemessenes Verhalten Weißmanns zu Beginn seiner Amtszeit als Intendant informiert worden, teilte Weißmanns Anwalt weiter mit. Das Gremium habe seinem Mandanten daraufhin eine Frist von wenigen Tagen zum Rücktritt eingeräumt, „obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte“, kritisierte der Anwalt. (...)
Eigentlich galt Weißmann als ein Favorit für die im Sommer anstehende Wahl des neuen ORF-Intendanten. Die Vorwürfe sind nun wenige Wochen vor dem Beginn der Bewerbungsfrist für den Top-Job bekanntgeworden. „Dieser Vorgang geschieht bezeichnenderweise wenige Monate vor der bevorstehenden Generaldirektorwahl im ORF“, erklärte Scherbaum. Hinzu kommt, dass der ORF im Mai Gastgeber für den Eurovision Song Contest (ESC) ist. Der gilt als eines der größten Musikevents der Welt und ist regelmäßig auch eine Bühne für den gastgebenden Sender. Der Wettbewerb steht dieses Jahr wegen der vorangegangenen Debatten über die Teilnahme Israels auch im weltpolitischen Fokus. Weißmann hatte sich in den vergangenen Monaten stets für das Antreten Israels eingesetzt und die damit verbundene Absage anderer Länder bedauert."
Weiters blickt die dpa auf die Amtszeit Weißmanns zurück und zitiert den Kurier:
"Den ORF, der mit seinen 4.000 Mitarbeitern in Österreich unangefochtener Marktführer im Fernsehen und im Radio ist, trifft der Abgang völlig zur Unzeit. Die Zeitung Kurier schrieb in einem Kommentar zum Rücktritt, dass der ORF ein „riesiges Imageproblem“ habe. Weißmann wollte den ORF digitaler, jünger und gesellschaftlich vielfältiger machen. Unter seiner Leitung wurde das Online-Angebot für junge Zielgruppen ausgebaut. Der 57-Jährige wurde 2022 zum ORF-Intendanten gewählt. Weißmann war Mitte der 1990er Jahre zum ORF gekommen und wurde schon bald mit leitenden Redaktionsposten betraut. 2012 wurde er Chefproducer der Fernsehsparte, 2017 auch stellvertretender Finanzchef. Der ORF-Chef, ein Hobby-Boxer, gilt als sehr umgänglich. Seine Amtszeit war geprägt von Sparvorgaben. Bei Veranstaltungen und TV-Auftritten schien er das Rampenlicht zu genießen. Bis zur Ernennung einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers soll die bisherige ORF-Radiochefin Ingrid Thurnher (63) den gesamten ORF interimistisch leiten. Als ehemalige Moderatorin der TV-Abendnachrichten ist sie eine der bekanntesten Journalistinnen in Österreich."
faktor.ba, Bosnien:
"Skandal vor dem Eurovision Song Contest in Wien: ORF-Direktor tritt wegen Vorwürfen sexueller Belästigung zurück"
euronews.com, Brüssel:
"Der Streit um Israels umstrittene Teilnahme am Eurovision Song Contest 2026 spitzt sich zu. Nun erschüttert ein neuer Skandal den siebzigsten Jahrgang: Der ORF-Generaldirektor tritt nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück. Als hätte der diesjährige Eurovision Song Contest nicht schon genug Zündstoff..."
Deutschsprachige Medien liefern international am meisten Einordnung:
Süddeutsche Zeitung, München:
"Fest steht allerdings jetzt schon, dass Weißmanns Rücktritt in Österreich ein medienpolitisches Beben ausgelöst hat. Sein Fall kommt in jeder Hinsicht zur Unzeit: Im Mai muss der ORF den Eurovision-Songcontest ausrichten, eine Aufgabe, die sowohl finanziell als auch logistisch äußerst herausfordernd ist. Und im August soll eigentlich ein neuer Generaldirektor bestimmt werden. Roland Weißmann wollte sich zur Wiederwahl stellen. Der Fall ist auch Munition für all jene Kräfte in Europa, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen möchten
Der Fall Weißmann wirft daher nicht nur ein Schlaglicht auf die Strukturen des ORF und die politischen Kräfte, denen die rund 4000 Mitarbeiter ausgesetzt sind. Sondern er gibt einmal mehr denjenigen Munition, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk überall in Europa am liebsten abschaffen oder zumindest finanziell austrocknen wollen. In Österreich ist das die extrem rechte FPÖ, die den Rücktritt des Generaldirektors dann auch gleich zum Anlass für eine Suada gegen den ORF nahm. Das "Haus- und Hofpropagandaorgan" der Regierung müsse einer "Totalreform" unterzogen, die "Zwangsgebühren" abgeschafft werden, hieß es aus der FPÖ."
Frankfurter Allgemeine Zeitung:
"ORF in Bedrängnis: Weißmanns Amtszeit hätte bis Ende des Jahres gedauert. Eine Verlängerung galt bereits vor den aktuellen Ereignissen als unsicher. In Wien wurde seit Längerem kolportiert, die Kanzlerpartei ÖVP sei mit dem Kurs des Generaldirektors unzufrieden und sondiere Alternativen. Offiziell bestätigt wurde das nicht. Während die juristische Auseinandersetzung absehbar ist, richtet sich der Blick im Funkhaus auf die Übergabe und den anstehenden Wahlprozess. Das Bewerberfeld könnte nach dem Ausscheiden des bisher als Favorit geltenden Weißmann wohl größer werden. Ob die Affäre die Kräfteverhältnisse im Stiftungsrat verschiebt, wird spätestens mit der Ausschreibung sichtbar werden. Der Anspruch an Transparenz, den die Politik nun fordert, wird sich an der Neubesetzung messen lassen."
Blick.ch, Zürich:
"Der Rücktritt wirft die bisherigen Szenarien über den Haufen. Als mögliche Kandidaten für die Nachfolge gelten Alexander Hofer, ORF-Landesdirektor in Niederösterreich, und Philipp König, Geschäftsführer von «Kronehit».
Der Zeitpunkt des Rücktritts – wenige Wochen vor dem ESC in Wien und der Ausschreibung der Generalsfunktion – sorgt für zusätzlichen Druck auf den ORF. Die Generalswahl 2026 könnte von den Fraktionen der ÖVP und SPÖ dominiert werden, die gemäss Regierungsabkommen die Nominierung des nächsten Generaldirektors offenbar bereits abgestimmt haben."
Neue Zürcher Zeitung:
"Am Sonntag hatte die Ablehnung der SRG-Halbierungsinitiative beim österreichischen Sender ORF noch für Erleichterung gesorgt. Eine derart drastische Reduzierung der Rundfunkgebühren in der Schweiz hätte Signalwirkung auch für das Nachbarland haben können. Dennoch befindet sich der ORF am Montag in einer Krise … Der Zeitpunkt für seinen Rücktritt ist nun in doppelter Hinsicht brisant: Zum einen richtet der Sender im Mai mit dem Eurovision Song Contest den grössten Musikwettbewerb der Welt aus, der immer auch eine Bewährungsprobe für das veranstaltende Medienhaus ist.
Zum anderen steht im August die Wahl des neuen ORF-Chefs an, wobei Weissmann gute Chancen für eine weitere Amtszeit zugestanden wurden. Sein Anwalt insinuierte, dass die nun erhobenen Vorwürfe zu vier Jahre zurückliegenden Vorkommnissen mit der Wahl im Zusammenhang stünden. Die Vergabe des wichtigsten Medienjobs des Landes ist jeweils ein Politikum höchsten Ranges. Der plötzliche Abgang Weissmanns böte die Chance für ein offenes Verfahren der bestqualifizierten Kandidaten. Es wäre jedoch überraschend, wenn nicht wiederum politische Überlegungen über die Ernennung entscheiden würden – zu wichtig ist die Funktion an der Spitze des Medienriesen aus Sicht der Parteien."
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