Stimmungsbild: „So eine Situation hat es im ORF ja noch nie gegeben“

Für die ohnedies schon verunsicherte Belegschaft des ORF war der Abgang ihres Chefs ein Tiefschlag.
ORF-Zentrum an Küniglberg

Die Nachricht vom Rücktritt des Generaldirektors kam für die allermeisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ORF genauso überraschend wie für den Rest des Landes auch.

„Natürlich waren wir alle sehr überrascht“, sagt eine Redakteurin. „So eine Situation hat es im ORF ja noch nie gegeben.“ Offiziell mitgeteilt wurde die Demission der Belegschaft mittels Kurzvideo im Hauskanal – allerdings mit dürftigem Inhalt. „Da haben wir im Mittagsjournal mehr erfahren“, ätzt ein Mitarbeiter. Er möchte, wie alle für dieses Stimmungsbild befragten ORF-Leute, nicht namentlich genannt werden.

Handytexte belasten Roland Weißmann

Zur Ursache des Rücktritts – dem von Roland Weißmann zurückgewiesenen Vorwurf der sexuellen Belästigung – weiß man im Haus genauso wenig wie in der Öffentlichkeit; die betreffenden Handytexte und -bilder haben bisher ja nur ganz wenige zu Gesicht bekommen. 

Unabhängig davon, was 2022 zwischen dem damaligen Generaldirektor und einer Mitarbeiterin vorgefallen ist, hatte Weißmann diesbezüglich keinen schlechten Ruf, eher im Gegenteil. „Es gab in den letzten Jahren mehr Bewusstsein für Compliance als unter Wrabetz“, sagt eine Mitarbeiterin. „Ich hatte den Eindruck, es wird ernst genommen, wenn eine Frau ein Problem hat.“

„Zero Tolerance“ im ORF

In gewisser Weise wird dieser Eindruck durch Weißmanns Rücktritt jetzt bestätigt. Nicht ohne Ironie ist, dass im ganzen Haus noch die Compliance-Flyer mit Weißmanns Konterfei und dem Slogan „Zero Tolerance“ herumliegen.

Die Stimmung im Unternehmen ist jetzt, wie man sich vorstellen kann, denkbar schlecht. Viele waren vom Dauerfeuer der FPÖ in den vergangenen Monaten ohnedies schon einigermaßen zermürbt.

Die Volksabstimmung am vergangenen Sonntag in der Schweiz, als sich eine Mehrheit gegen eine Kürzung des Rundfunkbeitrags aussprach, haben viele im ORF als Hoffnungsschimmer wahrgenommen. Dass dann ein paar Stunden später die Weißmann-Bombe platzte, war umso enttäuschender. Und ja, natürlich sei so etwas enorm schädlich für den ORF, sagt ein Redakteur.

Rückhalt für Ingrid Thurnher

Ingrid Thurnher, die voraussichtlich die interimistische Leitung übernehmen wird, genießt in der Belegschaft breiten Rückhalt. Man traut ihr zu, die Lage wieder zu beruhigen.

Könnte Thurnher unter Umständen auch längerfristig Weißmanns Nachfolgerin werden? „Wenn sie das will, spricht inhaltlich wenig gegen sie“, sagt eine Redakteurin. Das sei überhaupt das einzig Positive an der jetzigen Situation: „Frauen haben jetzt bessere Chancen auf Führungsjobs im ORF.“

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