Totzauer will ORF ohne politische Deals aus "fundamentaler Krise" führen
Lisa Totzauer will mit einem "tiefen Verständnis" vom ORF und Reformdrang punkten, um an die Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses zu gelangen. Sie hat sich am Dienstag als erste Person offiziell um den Chefsessel beworben und am Mittwochvormittag bei einem Pressegespräch ihre Motivation erklärt. Den ORF sieht sie in "einer fundamentalen Krise". "Er muss jetzt reformiert werden. Wir können es nicht mehr aufschieben. Ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen."
"Das Bild, das wir abgeben, ist schmerzhaft und beschämend", sagte die gegenwärtige ORF-TV-Magazinchefin mit Blick auf die vergangenen Wochen, in denen primär die Causa Weißmann das Medienhaus in Atem hielt und die Schlagzeilen dominierte. "Ich verstehe, dass sich viele Menschen ärgern und fragen: 'Was soll das?'", so die Mittfünfzigerin. Ihr sei klar, dass der ORF jetzt reformiert werden müsse, um "einen wichtigen Teil der demokratischen Infrastruktur unseres Landes" zu erhalten.
ORF nicht verwalten, sondern als demokratische Institution retten
Der ORF sei nach wie vor die modernste Antwort auf die älteste Frage der Demokratie: "Wer kontrolliert die Information?", ließ die gebürtige Wienerin wissen. Den Tech-Giganten will sie die Infohoheit jedenfalls nicht überlassen. Deren Plattformen funktionieren nach einer "brutal einfachen Logik": Was Aufmerksamkeit bringe, gewinne - egal wie zerstörerisch oder wahr. "Der ORF muss nicht viral, sondern unverzichtbar sein", so Totzauer.
Die entscheidende Frage sei, wie man das bewerkstellige. In ihrem 80-seitigen Konzept sei das genau beschrieben. An Medienvertreter will sie dieses aus Respekt vor dem obersten ORF-Gremium erst nach Ablauf der Bewerbungsfrist (28. Mai) verschicken. Somit hielt sie sich auch dazu bedeckt, welche Direktionsstruktur sie sich vorstellt. Vor fünf Jahren fiel sie u.a. damit auf, dass sie eine Infodirektion etablieren wollte. Mittlerweile habe sie eine "noch viel bessere Idee".
Sie stellte klar, dass wer den ORF nur als ein Medienunternehmen behandle, ihn nicht verstanden habe. Sie wolle das größte Medienhaus des Landes nicht verwalten, sondern als demokratische Institution retten. Hier komme ihr ihre 30-jährige Erfahrung im ORF gelegen: "Ich weiß von den Stärken und Schwächen und weiß in der Sekunde, was zu tun ist." In ihrer Karriere habe sie Programme und Formate entwickelt, den digitalen Wandel vorangetrieben und Teams durch diesen begleitet. Sie war vor ihrer Tätigkeit als ORF-TV-Magazinchefin u.a. Channelmanagerin von ORF 1.
"Der Wunsch nach Veränderung ist groß"
In vielen Gesprächen mit ORF-Mitarbeitern habe sie festgestellt: "Der Wunsch nach Veränderung ist groß. Der ORF ist bereit dazu und deshalb bewerbe ich mich", so Totzauer. Schon vor fünf Jahren bemühte sie sich um den ORF-Chefsessel und erhielt fünf der 35 möglichen Stimmen im ORF-Stiftungsrat. "Fünf Jahre später sind die Herausforderungen immer noch da. Jemand muss sie endlich angehen", sagte sie.
Die Ansicht von ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti, dass der ORF nun jemanden von außen an der Spitze brauche, teilt sie nicht: "Das klingt sofort nach Neuanfang, ist aber keine Strategie." Ein "tiefes Verständnis" dafür, was der ORF leisten soll und wie das umzusetzen ist, sei gefragt. "Viele Probleme können nur von innen heraus überwunden werden", zeigte sie sich überzeugt. Man müsse den ORF-Auftrag "fühlen, wollen und verstehen".
Will nicht für politische Deals unterwegs sein
Als klarer Favorit für den ORF-Generaldirektorenposten wird APA-CEO Clemens Pig seit geraumer Zeit von Beobachtern genannt. Er soll laut Medienberichten die Unterstützung der Regierung haben. ÖVP- und SPÖ-nahe ORF-Stiftungsräte kommen im Gremium auf eine deutliche Mehrheit. "Wenn ich jetzt unterwegs wäre, um politische Deals zu machen, würde das meiner Grundhaltung und meinem Konzept diametral entgegentreten", sagte Totzauer. Sie wolle inhaltlich überzeugen. Dass vor Ablauf der Bewerbungsfrist schon feststehen soll, wer den Posten erhält, spreche umso mehr für ihre Kandidatur. Einen Plan B für den Fall, dass es am 11. Juni bei der Wahl nicht für sie klappt, habe sie nicht und brauche sie auch nicht, so Totzauer.
Mit der gegenwärtigen ORF-Chefin Ingrid Thurnher pflege sie ein "sehr feines Verhältnis". "Ingrid ist eine wundervolle, großartige Kollegin. Ich sehe ihr tägliches Ringen und Kämpfen und verstehe, dass es keine leichte Aufgabe ist, in so einer Zwischenzeit den ORF zu führen." Auch Totzauer betont - wie Thurnher -, dass nach dem Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Chef nach Vorwürfen einer Mitarbeiterin Transparenz gefragt sei. Auch die Kontrollmechanismen im ORF bedürfen einer Überarbeitung, sagte die Medienmanagerin.
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