Neues "Tatort"-Duo: "Wir konnten das Kennenlernen überspringen“

Im Wiener Reumannhof entstehen derzeit die ersten neunzig Minuten „Tatort“ mit dem neuen Ermittlerduo Miriam Fussenegger und Laurence Rupp. Ein Besuch beim Dreh im Gemeindebau.
Dreharbeiten zu Miriam Fusseneggers und Laurence Rupps erstem Austro-„Tatort“

Die „Ringstraße des Proletariats“ wurden die großen Gemeindebauten am Margaretengürtel auch genannt. Der Reumannhof hat viel erlebt, auch die Bürgerkriegswirren von 1934. Heute ist das lauteste das beständige Vorbeirauschen des Autoverkehrs. Man muss sich beim Drehbesuch den richtigen Platz suchen, um die Begrüßung in einer neuen Ära zu hören. „Die Fußstapfen sind groß“, sagt ORF-Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz über den nahen Abschied vom beliebten Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Aber nach zehn Drehtagen habe jeder „ein Glänzen in den Augen. Die Chemie und die Geschichte scheinen aufzugehen, um ein neues, nicht weniger beliebtes Paar zu erschaffen“, sagt sie. Den „Tatort“ neu aufzustellen, sei „das letzte große Abenteuer im Fernsehen“, sagt Fernsehfilmchefin Katharina Schrenk, „weil das weit über unsere Grenzen hinaus strahlt.“ Man wollte abkommen von typischen Paarungen und habe sich gefragt: „Was passiert, wenn die beiden familiär verbunden sind? Da entstehen neue Dynamiken.“

Die Halbgeschwister Charlotte Hahn und Alex Maleky werden von Miriam Fussenegger und Laurence Rupp verkörpert. In der Drehpause nehmen sie die Sonnenstrahlen im Hof dankbar auf, richten ihre Köpfe für einen Moment danach aus. Dann geht es eine Etage tiefer in einen schattigeren Hof, wo sie den Journalisten Auskunft geben.

Urwienerisch

Ihr erster Einsatz im Fall „Krähen im Hof“ führt in eine urwienerische Umgebung, einen Gemeindebau, wo der Fenstersturz eines Bewohners aufzuklären ist. Einige geraten unter Verdacht, denn gute Nachbarschaft steht bei manchen nicht gerade zu den Prioritäten. Das sei beim Dreh komplett anders, sagt Produzent Markus Pauser von der e&a Film. „Ich kenne die Situation noch als Aufnahmeleiter beim Kaisermühlenblues, wo von 100 Parteien schon zwei dabei waren, die absichtlich gestört haben. Das ist hier anders, weil wir von allen extrem positiv aufgenommen worden sind.“

Auch Miriam Fussenegger schätzt sehr, „dass es hier menschelt. Die Leute gehen ein und aus, während wir drehen. Ich mag solche Begegnungen. Am besten find’ ich, dass es ihnen so wurscht ist“, sagt sie mit einem Lachen. Man spüre die Vielfalt, manchmal würden auch Klischees bestätigt. „Wir hatten einen Mann, der heruntergegrölt hat, mit Blessuren und Schnapsflasche. Aber auch Fans, die sagten: ,Nur für dich schau’ ich aus dem Fenster.‘ Insgesamt finde ich es total liebenswert.“

Eine Gruppe von sechs Personen steht vor einem Gebäude mit vielen Fenstern.

Bisher kannte die 35-Jährige den „wunderschönen Gemeindebau nur vom Vorbeifahren, aber wenn man im Hof auf diese Terrasse mit dem Julius-Meinl-Schirm schaut, ist das auch ein Blick auf eine vergangene Ära.“

Heuer endet auch die Ära des „Tatort“-Duos Eisner und Fellner. „In meiner Vorstellung waren das Adele und Harald bis zum bitteren Ende. Ich fand überraschend, dass es überhaupt möglich ist, dass die aufhören“, meint sie lachend. Sie selbst konsumiere Krimis aber eher über Streaminganbieter, gibt sie zu.

Dreherfahrung mit Krimis hat die frühere Salzburger Buhlschaft bereits. In drei Folgen des oberösterreichischen Landkrimis verkörperte sie eine junge Polizistin in ihrer Heimat, dem Mühlviertel. Nun beerbt sie Neuhauser im Wiener „Tatort“. Sie freue sich, Teil davon zu sein, „aber ich hatte es überhaupt nicht auf dem Schirm.“

Dreharbeiten zu Miriam Fusseneggers und Laurence Rupps erstem Austro-„Tatort“

Mit  Regisseur Dominik Hartl: Gedreht wird in Höfen, Stiegenhäusern und Wohnungen.

Impulsiv

Da ruft plötzlich Kollege Rupp laut von einem anderen Gespräch herüber: „Was heißt, dass ich mich nicht unterordnen kann?! Ich hab’ überhaupt nix gegen Frauen!“ Alle lachen. Sofort ist klar: Rupp ist in seiner Rolle des Alex Maleky, den Fussenegger als impulsiven Typ beschreibt. Auch die Charly habe „gewisse eruptive Qualitäten. Aber sie ist eher dazu gezwungen, gewisse Dinge auszugleichen.“

Dass sie – aus Linz zugereist – und ihr Halbbruder in derselben Einheit gelandet seien, beschreibt Fussenegger als „Zusammenarbeit wider Willen. Aber sie kommen darauf, dass sie professionell funktionieren, obwohl es unter Geschwistern halt nicht immer konfliktfrei abläuft.“

Charlotte sei „die Kopflastigere, Analytische, sie fühlt sich zu Hause in ihrem Beruf, spürt aber als junge Chefin auch einen gewissen Druck, sich beweisen zu müssen.“

Sie selbst fühle bei ihrer neuen Aufgabe „manchmal schon den Druck. Man möchte natürlich etwas schaffen, was die Menschen leiwand finden. Im Mikrokosmos eines Filmsets vergisst man aber dieses Drumherum.“

Das mit den „großen Fußstapfen“ höre sie immer wieder, sagr Miriam Fussenegger, „aber ich spüre das überhaupt nicht. Es ist ein Neubeginn. Adele Neuhauser nachzueifern, sei erstens gar nicht möglich und zweitens sehr weit weg von mir.“ Bei anderen Projekten habe sie die beiden kennengelernt und als „Vollprofis“ und „sehr warmherzig“ empfunden.

Drei Polizisten mit kugelsicheren Westen stehen ernsthaft in einem Innenhof mit Bänken und Bäumen.

Auch noch mit von der Partie: Christina Scherrer.

Ihren neuen Kollegen kennt sie seit der Zeit am Max-Reinhardt-Seminar. „Bei der Ausbildung lernt man sich seelisch sehr nackt kennen, hat den anderen in Hoch- und Tiefphasen erlebt. Es ist angenehm, wenn schon eine gewisse Vertrautheit da ist.“

Laurence Rupp betrachtet es als „Geschenk, dass wir uns schon so gut gekannt haben und den Kennenlernprozess gleich übersprungen haben. Das war cool, weil wir uns mochten und Freunde waren.“ Das habe auch beim Casting geholfen, so Rupps Theorie. „Ich war schon besetzt und dann wurde die Schwester gesucht. Vielleicht hat man gemerkt, dass wir einander durch unsere private Vorgeschichte schon nah waren.“

Er sehe den Alex Maleky als etwas schlitzohrigen Zeitgenossen, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen bei der Mutter, im Simmeringer Gemeindebau. „Da ist er auch mit misogynen und leicht kriminellen Männergruppen abgehangen. Alex kennt auch die Seite der Dunkelheit und musste sich entscheiden.“ Jedenfalls habe er immer Wienerisch gesprochen.

Den Wiener raushängen lassen

Ob er, selbst aus Penzing stammend, gern den Wiener raushängen lässt? „Was ist das für eine Frage? „Ja, sicher!“ Er versuche „das Maximum, aber es ist eine ARD-Koproduktion und da muss man schauen, dass es auch die Deutschen verstehen.“

Rupp erklärt, warum er vorher herübergerufen hat: „Für den Alex ist es überhaupt kein Thema, dass seine Schwester seine Vorgesetzte ist. Er findet es total verdient, dass sie da sitzt, wo sie sitzt.“

Er selbst ist nun „Tatort“-Kommissar. Ob damit ein Traum in Erfüllung gehe? Auch wenn er nicht jeden Sonntag eingeschaltet habe, meint Rupp: „Lustigerweise war es immer eine Idee in meinem Leben, das zu machen, das war für mich so etwas wie der Jedermann in Salzburg, Und wenn ich wählen hätte können, hätte ich zu hundert Prozent beim Wiener „Tatort“ zugegriffen und nicht bei einem anderen.“

Schwierigste Frage

Dabei verfügt der 38-Jährige auch über internationale Erfahrung, bei der Netflix-Serie „Barbaren“ oder im Autorenkino, wo er in Marie Kreutzers „Gentle Monster“ (mit Léa Seydoux und Catherine Deneuve) im Mai in Cannes Premiere feiert. Ob er überlegt habe, ob da der „Tatort“ ins Karrierekonzept passt?

„Das war die schwierigste zu klärende Frage“, sagt Rupp. „Weil ich sehr gerne Autorenkino mache. Netflix sieht da weniger ein Problem, entweder es passt, oder es passt nicht. Ich glaube aber, dass die Zeit vorbei ist, wo man sich zum Beispiel für Film oder Theater entscheiden muss. Einen Unterschied macht sicher, ob ich es fünf Jahre oder 35 Jahre mache.“

Da blitzt auch der schlitzohrige Maleky wieder durch.

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