Traditionsreicher Leykam-Verlag gibt Publikumsgeschäft auf

Traditionsreicher Leykam-Verlag gibt Publikumsgeschäft auf
Das Kinder- und Jugendbuchprogramm, Literatur und populäres Sachbuch werden ab 2027 eingestellt.

Der traditionsreiche Leykam-Verlag hat eine einschneidende Weichenstellung gesetzt: Der älteste Verlag in Österreich wird mit 2027 keine Titel aus den Bereichen Literatur, Kinderbuch und populäres Sachbuch mehr verlegen. Die Nachricht, die durch ein Facebook-Posting von Autor Michael Stavarič (Bild oben) bekannt und von mehreren Medien übernommen wurde, wurde am Montag gegenüber der APA von Geschäftsführer Stefan Gartler bestätigt und mit "wirtschaftlichen Gründen" erklärt.

"Unsere Kinderbücher laden ein, die Welt infrage zu stellen, unsere Sachbücher lassen uns staunen, unsere Literatur überwältigt und überrascht", heißt es auf der Website des Verlages. Das wird mit 2027 Geschichte gewesen sein, denn ab dann will der Verlag die Buchprojekte in diesen Bereichen einstellen. "Aus wirtschaftlichen Gründen", wie es im Instagram-Post des Verlags nach Stavarič' erstem Social-Media-Post dazu am Wochenende zu lesen war. "Der Publikumsbereich ist defizitär und kann nicht aufgefangen werden. Daher wird es in diesen Bereichen keine neuen Projekte geben können. Was wir sehr bedauern", sagte Geschäftsführer Gartler am Montag zur APA. Wie es dazu kam und wie hoch die Verluste sind, wollte der Geschäftsführer nicht näher ausführen. Aktuell sind sechs Personen im Verlag auf Basis Voll- oder Teilzeit beschäftigt, wie Gartler auf Anfrage sagte.

Konzentration auf Wissenschaft und Pädagogik

Das Herbstprogramm erscheine noch wie geplant, "dann werden wir uns aber auf die wissenschaftlichen und pädagogischen Publikationen konzentrieren", so Gartler. Die bereits veröffentlichten Bücher sollen weiter lieferbar bleiben und werden - je nach Nachfrage - auch nachgedruckt. Der Verlag hatte sich mit anspruchsvollen und gesellschaftlich relevanten Themen eine Nische geschaffen.

Die Entscheidung bedeutet mithin das Ende einer Ära für den ältesten Verlag Österreichs, der sich über Jahrhunderte hinweg einen Namen gemacht hat. Zu den Autorinnen und Autoren von Leykam gehören u. a. Ada Diagne, Bettina Balàka, Mareike Fallwickl, Andrea Grill, Ulrike Haidacher, Lydia Mischkulnig, Eva Reisinger, Fabian Navarro, Jaqueline Scheiber, Wlada Kolosowa und nicht zuletzt Michael Stavarič. Letzterer hat mehrere Kinderbücher und Kindersachbücher in dem Verlag veröffentlicht und damit etliche Kinder- und Jugendliteraturpreise eingefahren. "Ein wunderbares Kinderbuchprogramm wird in Österreich aufgegeben, weil man seinen Wert nicht erkennt bzw. unterschätzt. Weil es zu viel kostet", kommentierte er am Wochenende in seinem Social-Media-Eintrag.

Dass die Entscheidung des Verlags neben den wirtschaftlichen aus seiner Perspektive auch kulturelle und gesellschaftliche Konsequenzen hat, hob Stavarič ebenfalls hervor: "Im gesamten Kunst- und Kulturbereich gibt es Kürzungen, Streichungen von Fördermitteln etc. - die Budgets geben es angeblich nicht mehr her. Am Ende wird der Markt schon alles regeln, möchte man fast sagen. Am Ende wird es eine Welt geben, in der ich nicht mehr leben will. Und glaubt mir: Ihr auch nicht!".

Jahrhundertelange Geschichte

Der Leykam-Verlag wurde 1585 in Graz vom Hofbuchdrucker Georg Widmannstetter gegründet und war von Anbeginn eng mit der Gegenreformation in der Steiermark verbunden. Als sich die evangelischen Drucker in Graz weigerten, das Vorlesungsverzeichnis der Jesuiten zu drucken, holten diese 1585 einen katholischen Buchdrucker namens Georg Widmanstetter aus Bayern in die Stadt, 1781 übernahm der aus Augsburg stammende Buchdrucker und Namensgeber Andreas Leykam die Druckerei. Ab 1785 gab er die "Grätzer Zeitung" heraus, im 19. Jahrhundert erschienen auch die nationalliberale "Tagespost" und Peter Roseggers "Heimgarten" beim Verlag Leykam.

1938 wurde Leykam zum offiziellen "NS-Gauverlag" umgewandelt, die "Tagespost" zum "Parteiamtlichen Organ der Gaues". Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazidiktatur erhielt die Leykam mit Verlag, Druckerei und Buchhandel wieder ihre alte Rechtsform. Im Zuge der Aufteilung aller NS-Gauverlage zwischen ÖVP und SPÖ bekam die SPÖ die Leykam zugesprochen. 1978 übersiedelte die Druckerei aus der Stempfergasse in die Ankerstraße nach Straßgang, wo auch die "Neue Zeit" bis 2001 gedruckt wurde. Seit 2017 ist der Verlag im Besitz der Familie Gartler.

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