Hitserie "Heated Rivalry": Da hätte die Tante Augen gemacht
Wenn das die verstorbene Tante aus Kanada noch gesehen hätte.
Mehr Nationalsport als Eishockey geht in Kanada nicht, da kannte sich auch die ausgewanderte Tante aus. Die Serie „Heated Rivalry“ taucht in dieses Milieu ein, interessiert sich aber nur für die heiße Romanze zwischen zwei aufsteigenden Jungstars, die sich im Verborgenen hinter der intensiven, medial breitgetretenen Rivalität der beiden entwickelt. Es geht um den japanisch-kanadischen Eishockeyspieler Shane Hollander von den Montreal Metros (gespielt vom Kanadier Hudson Williams) und den Russen Ilya Rozanov von den Boston Raiders (gespielt vom US-Amerikaner Connor Storrie).
Die beiden lernen einander 2008 bei einem Spiel der Nationalteams von Kanada und Russland kennen. Was auch der Tante klar war: Die Duelle zwischen diesen Nationen waren die Mutter aller Rivalitäten – bis Russland von allen internationalen Bewerben ausgeschlossen wurde.
Lily und Jane
Während die beiden über die Jahre zu Topstars der NHL reifen, treffen sich „Lily“ und „Jane“, wie sie sich im Handy-Chat nennen, wann immer es geht, im Geheimen. Im Liebesnest sprechen sie einander per Nachnamen an. „Fuck, Hollander“ – als ob der erbitterte Fight auf dem Eis sich im Schlafzimmer fortsetzen würde. In Wahrheit bröckeln die Identitäten.
Die Ausgangssituation: Rozanov spielt den übersteigert männlichen Part, ist auf den Endzweck ausgerichtet. Hollander ist zarter besaitet, scheint mehr darüber zu grübeln, wie das alles weitergehen soll. Dazu sitzt ihm die ehrgeizige Mutter im Nacken, die fleißig Sponsorverträge abschließt und einen seriösen Sportler vermarktet. Rozanovs Mutter ist früh gestorben, der militaristische Vater leidet an Demenz, der Bruder fordert ständig Dollargrüße nach Moskau.
Die sechsteilige Serie basiert auf der Buchreihe „Game Changers“ der kanadischen Autorin Rachel Reid. Wie der Titel andeutet, könnte es hier zur Kernschmelze kommen, was die Hürden für offen gelebte Bi- und Homosexualität im Sport betrifft.
Hype in West und Ost
Aber wie konnte diese Handlung, mit relativ simpler Dialogführung und angereichert mit vielen in Richtung Softporno gehenden Szenen, in den USA dermaßen abheben, dass die Social-Media-Portale mit Anspielungen auf die Serie übergehen (Blueberry Smoothie mit Banane), die Bewertungen hart am Maximum streifen und die New York Times von einer der „größten Überraschungen der jüngeren Fernsehgeschichte“ spricht? Schließlich ist "Heated Rivalry" beileibe nicht die erste schwule Serie, man denke an "Queer as Folk", "Looking", "Heartstopper", "Young Royals" oder "Uncoupled".
Es muss mit dem Gegensatz zwischen hartem Männersport und großen Gefühlen zusammenhängen. Das Zwischenmenschliche wird stark betont und mit introspektiven Farben ausgemalt. Seltsam wenig nutzt die Serie hingegen das Brisanzpotenzial, das in den Winterspielen in Sotschi von 2014 lag. Es wird nur am Rande erwähnt, dass es Schwule in Russland schwer haben. Die Serie setzt mehr auf Normalisierung als auf heftige Konflikte.
Geheimer Renner in Russland
Umso erstaunlicher ist, dass „Heated Rivalry“ gerade in Russland trotz Zensur von „nicht traditionellen“ Inhalten zum Renner auf Piratenportalen wurde. Viele können sich für den sauber russisch sprechenden Amerikaner Storrie dermaßen erwärmen, dass Mehrfach-Watching angesagt ist. Diese Fans werden 2027 Nachschub bekommen, wie Crave und HBO Max bestätigten. Miley Cyrus will zu Staffel 2 einen Song beisteuern.
Vielleicht hätte das auch die Tante aus Kanada gefreut.
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