Comedy mit Migration: Wenn in Österreich über Herkunft gelacht wird
"Wo kommst du her?" – diese Frage hat man, wenn man in Österreich einen Migrationshintergrund hat, vermutlich öfter im Leben gestellt bekommen. Für Menschen mit migrantischen Wurzeln ist diese scheinbar harmlose Gretchenfrage nicht selten eine Gratwanderung zwischen ehrlicher Neugier und rassistischer Grundhaltung.
In einem ihrer Videos inszeniert sich die Künstlerin Toxische Pommes, eine der erfolgreichsten TikTok-Stars des Landes, als quasi waschechte Österreicherin, die genau diese Frage einer Person aus dem ehemaligen Jugoslawien stellt. Noch bevor die Frau mit Migrationshintergrund antworten kann, weiß es ihr Gegenüber besser und schreit: "Ćevapčići! Ajvar!" In den Kommentaren spiegelt sich die Lebenswelt der User mit Migrationshintergrund wider: "Kenne ich nur zu gut!", schreibt ein Nutzer. "Ich bin überall der Ausländer", kommentiert ein anderer.
Sowohl in den sozialen Netzwerken als auch auf der Kabarettbühne hat sich die Kombination aus Komik und Migrationshintergrund jedoch immer mehr als erfolgreiches Format erwiesen.
"Meine ersten Nummern handeln von rassistischen Erfahrungen"
Das Genre wird als Ethno-Comedy bezeichnet, der Ausdruck hat sich in den 2000ern in Deutschland etabliert. "Bezogen auf österreichische Stand-up-Comedians ist der Begriff bis heute nur selten in Gebrauch. Wir beobachten eher eine Eingliederung der heimischen Ethno-Comedians in die österreichische Kabarettszene", erklärt Anna Seidel, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Wien, gegenüber dem KURIER. Das Comedy-Format erfülle eine doppelte Funktion: Einerseits stellen sich die Comedians selbst absichtlich als fremd dar, andererseits "decken sie genau dadurch Vorurteile auf und machen die von der 'Mehrheitsgesellschaft' ausgehenden Diskriminierungstendenzen sichtbar", so Seidel.
Ein weiterer Comedian, der ebenso mit seinem Migrationshintergrund spielt, ist Marvin Tare Landl (Marvin Tare, beides Vorname und Bühnenname), Mutter Oberösterreicherin, Vater Nigerianer. Seine Instagram-Clips zählen mehrere Tausend Views, im Jänner feierte er mit seinem Programm "Isaawaahsiin" im Wiener Kabarett Niedermair Premiere. "Einige meiner allerersten Nummern handeln von rassistischen Erfahrungen, bei denen ich versucht habe, etwas Positives aus etwas Negativem zu schaffen", sagt Marvin Tare. Der Comedian geht selbstbewusst mit seiner Herkunft um – und macht darüber auch Witze: Sie mache ihn "in erster Linie pleite".
Die Idee für den Titel des Programms stammt von seinen Eltern – "Isaawaahsiin" ist ein Ausruf seines nigerianischen Vaters, um sowohl Ärger als auch Freude auszudrücken. "Meine Witze habe ich anfangs vor allem für meinen multikulturellen Freundeskreis geschrieben. Viele kannten solche Wörter von ihren Eltern mit Migrationshintergrund", erzählt Marvin Tare, der Kultur- und Sozialanthropologie studiert hat.
Migrantische Eltern als Helden
Um ein weiteres Beispiel zu nennen: die Kärntner Stand-up-Comedienne Ina Jovanovic, die auf Instagram 66.000 Follower zählt, nimmt in ihren Clips häufig ihre Balkan-Eltern aufs Korn, um Stereotype und kulturell bedingte Erziehungsmuster zu beleuchten. Warum machen Comedians mit Migrationshintergrund ihre Eltern oftmals zum Kernstück ihrer Witze? Der Alltag von Migrantenkindern sei von einem Spannungsverhältnis geprägt, sagt Anna Seidel.
"Der private Bereich repräsentiert die Identität und Lebensweise der Herkunftsgemeinschaft. Der öffentliche Bereich ist davon losgelöst und konterkariert in vielerlei Hinsicht das, was bei einem zu Hause üblich ist. Da die Eltern die Kultur des privaten Bereichs in diesen Kontexten oft prägen, können sie als Repräsentanten des ‚Migrantischen‘ besonders gut dienen", erklärt die Wissenschaftlerin.
Comedy als Brücken zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft
Marvin Tare zieht seinen Vater allerdings aus einem weiteren Grund öffentlich durch den Kakao. In der Mehrheitsgesellschaft fehle es migrantischen Eltern oft an Anerkennung. "Isaawaahsiin ist der Versuch einer Person mit Migrationshintergrund – in dem Fall mein Vater, der in der Gesellschaft oft auf Ablehnung stößt – klarzukommen", sagt Marvin Tare. Sein Vater steht der Arbeit seines Sohnes mit viel Humor gegenüber und freue sich, ihm als Inspiration zu dienen.
Mit seinem Stand-Up will der Comedian nicht nur für Lacher sorgen – er versteht sich auch als Brückenbauer zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Migranten. "Ich möchte Personen mit Migrationshintergrund das Gefühl geben, dass es jemanden gibt, der eine ähnliche Lebensrealität hat wie sie. Meiner Meinung nach passiert das in der heimischen Kulturszene zu wenig", sagt der Salzburger.
Zwar gibt es Namen wie Arabella Kiesbauer, David Alaba oder Stefan Lenglinger, die quasi als Aushängeschilder für die Diversität der Republik gelten. Dennoch sei es mit Migrationshintergrund schwieriger, die Karriereleiter hochzuklettern. "Einfach wegen der veralteten Strukturen und Denkmuster im Kunst- und Sportbereich", erklärt der Komiker.
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