Trump in Davos: Und wieder steht Europa auf dem "Zauberberg" am Abgrund

Thomas Mann
Eine Relektüre von Thomas Manns Mammutwerk birgt einigen Schrecken: An diesem Punkt waren wir doch schon einmal.

Es besteht keine große Gefahr, dass Donald Trump auf dem Weg nach Davos zur intellektuellen Aufrüstung noch geschwind Thomas Manns "Zauberberg" gelesen hat. Aber vielleicht arbeitet zumindest in einigen der europäischen Staatsspitzen die Erinnerung an einstige Lektüre des Wälzers. Es wäre hilfreich. 

Denn mal wieder steht Europa auf dem "Zauberberg" in Davos am Abgrund. Das hatten wir schon mal, und Thomas Mann hat es 1924 eindrücklich beschrieben. 

Das Krankheitsbild mag sich, danke, Medizinfortschritt, gewandelt haben: Europa ist heute seltener auf jene Art lungenkrank, die das Personal des "Zauberbergs" in die Heilanstalt am Davoser Berg geführt hat. Vielleicht wäre es heute eine Abnehmkur?

Der Rückzug auf den Berg aber, der für Hans Castorp ein permanenter wird, obwohl er nur kurz verweilen wollte, steht sehr genau dafür, was Europa in den letzten Jahrzehnten gemacht hat: Wir alle dachten, dass die Welt da unten ruhig vorbeiziehen kann, ohne dass es uns tangiert, dass wir ein Leben mit Musik und Essen und unglücklicher Liebe und ausführlichen Gesprächen führen können und dass das eigentlich reicht.

Es war falsch.

Thomas Manns dicker Brocken wird gegen Ende so richtig heutig: Er lässt die beiden großen Fatalismen aufeinanderprallen, die auch heute wieder die Demokratie zerreiben. Das Wortgefecht zwischen dem vergeistigten Pazifisten Lodovico Settembrini und dem pro-totalitären Leo Naphta, es könnte - wäre es weniger geschliffen, mit kürzeren Sätzen und mehr Zorn - genausogut auf X stattfinden. Oder eben genauso schlecht.

Die Flucht in den geführten Staat, die Lust daran, die anstrengende Freiheit abzugeben, von der Naphta so ausführlich schwärmt - sie findet sich eins zu eins in dem Ruck nach ganz Rechts wieder, dem die USA und Russland und Ungarn schon nachgegeben haben und der in Österreich vor der Tür steht.

Settembrini ist, wie alle Humanisten, in der Defensive. Immerhin hält er dagegen, denkt man sich - etwas, das Europa gerade im Eilzugtempo wieder lernt, lernen muss. Der Rückzug auf den Zauberberg ist zu Ende. 

Jetzt muss man wieder ins Tal, kämpfen, so wie Castorp es am Schluss, in der vielleicht atemberaubendsten letzten Seite der Literaturgeschichte, macht. Wie es ausgeht, man weiß es. Es möge, denkt man sich, vergebens, dieses Mal anders enden.

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