Links, Rechts, Klick, Klack: Die Soundfassade der Secession
Auch jene von uns, die sich nicht mit fehlender oder eingeschränkter Sehfähigkeit durch die Großstadt bewegen, kennen die Infrastruktur: Die Kästen an den Verkehrsampeln, die mit regelmäßigem Klick-Klack-Geräusch auf einen Fußgängerübergang hinweisen. Wer mit musikalischem Ohr hinhört, gewinnt manchmal den Eindruck, dass sich mehrere solcher Signale zu einer Art Polyrhythmus aufschichten.
Jene, die die Signale zur Querung des Übergangs brauchen, hören vermutlich wieder ganz anders hin. Doch da wie dort mischen sich praktische und ästhetische Aspekte – die Signale sind Teil des Stadtraums, wie Häuserfassaden, Randsteine oder Monumente auch.
Der türkische Künstler Cevdet Erek setzt hier mit seiner Installation „Secession Ornamentation“ an, die bis 22. 2. auch Passanten am Jugendstilgebäude am Naschmarkt hellhörig machen soll. Aus einer Reihe von an der Fassade montierten Lautsprechern dringen hier klickende Geräusche, die oberflächlich an die Blindenampeln erinnern (tatsächlich sind sie exakt so abgestimmt, dass sie den Ampelsignalen nicht in die Quere kommen.)
Die Häufigkeit, mit der die einzelnen Signale erklingen, steht in einem mathematisch abgestimmten Verhältnis, so dass einzelne Gebäudeteile spezielle Klangmuster zugewiesen bekommen. Das Secessionsgebäude erklingt also gewissermaßen wie ein minimalistisches Musikstück.
Eret, der u. a. auch schon die Klangpassage im Wiener MuseumsQuartier bespielte, geht bei seinen Werken nicht nur hoch exakt vor, sondern knüpft stets auch an kulturgeschichtliche Referenzpunkte an. Bei der „Ornamentation“ ist es der Aufsatz „Ornament und Verbrechen“ von Adolf Loos, der 1908 einen Diskurs um Schmucklosigkeit als Zeichen für die Fortschrittlichkeit der Moderne anstieß.
Klangornament
Ereks „Klangornament“, über die Jugendstilfassade der Secession gelegt, persifliert ein Stück weit den Reinheitskult der Epoche – und lädt ein, die Grenzen zwischen der Zweckmäßigkeit und Zweckfreiheit von Dingen im täglichen Umfeld der Stadt neu zu denken.
An der Außenfassade wird dies durch die groß angebrachten Buchstaben „L“ und „R“ deutlich: Sie bezeichnen offensichtlich den linken und rechten Gebäudeteil – aber sind die Buchstaben dadurch „zweckmäßig“ oder doch eher eine Art von Schmuck?
Im grafischen Kabinett der Secession dreht Erek diesen Gedanken weiter: Jene Tastmuster, die Blinden und Sehschwachen an den Ampelboxen Auskunft darüber geben, wie viele Spuren die zu überquerende Straße hat, sind hier übergroß aus Sperrholz nachgebildet. Sie können auch als bloße Muster oder Wandobjekte betrachtet (und auch befühlt) werden.
Der Künstler verquickt auf diese Weise den Geist des Ortes und den historischen Wiener Diskurs um die Fortschrittlichkeit von Ornamenten auf gewitzte Weise mit Überlegungen zu praktischen Themen wie Barrierefreiheit und inklusiver Stadtgestaltung. Es lohnt, kurz innezuhalten und zu lauschen.
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