Adolf Loos im Wien Museum: Die Kuschelecke eines Kinderschänders

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Das Wien Museum präsentiert die Wohnung des Architekten als „Highlight“. Das MAK bezeichnet Loos „explizit als Missbrauchstäter“.

Jeffrey Epstein bringt einen zum Nachdenken. Auch darüber, wie man mit Sexualstraftätern und Kinderschändern in der Gesellschaft umgeht. Erst kürzlich erklärte Klaus Albrecht Schröder, dass die Retrospektive Otto Muehl, mit der das Wiener Aktionismus Museum nach dem Umbau im Herbst wiedereröffnet werden soll, nicht wie konzipiert gezeigt werde.

Und sogleich denkt man an Adolf Loos. Auf Wien Geschichte Wiki wird die Geschichte dargelegt: Ende August 1928 erstattete eine Frau Anzeige gegen den Architekten. Loos hatte, wie die Ermittlungen ergaben, im Umfeld der Berufsmodellbörse nach Mädchen für Aktzeichnungen gesucht. Ein Frührentner aus Währing bot ihm seine zehnjährige Tochter an. Bei weiteren Besuchen in der Wohnung von Loos im Haus Bösendorferstraße 3 kamen zwei weitere Mädchen im Alter von 8 und 11 Jahren mit.

„Unverdorbene Kinder“

Die Kinder gaben bei den Vernehmungen an, dass Loos während des Aktzeichnens sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen habe. Wie sich zudem herausstellte, hatte Loos bei einem Ringelspiel im Prater minderjährige Mädchen angesprochen und ihnen Geld gegeben.

Er wurde verhaftet. Loos brachte in der Hauptverhandlung Ende 1928 vor, nach „geeigneten“ Kindern für von ihm beabsichtigte Frankreichaufenthalte gesucht zu haben. Er habe die Kinder nackt gezeichnet, um ihren Zustand zu prüfen, da er nur gesunde und „unverdorbene“ Kinder nach Frankreich bringen wolle. Das Urteil fiel ausgesprochen milde aus: Loos wurde des Verbrechens der versuchten Verführung zur Unzucht schuldig gesprochen.

In den Prozessakten, jahrzehntelang verschollen und 2015 nach dem Tod eines Antiquitätenhändlers im Zuge der Wohnungsauflösung aufgefunden, wird der Tatort nur ungenau beschrieben. „Sicher belegt ist, dass Übergriffe beim gemeinsamen Baden im Badezimmer sowie im Bett stattgefunden haben“, so das KI-Tool Perplexity. Die Mädchen standen bzw. saßen zudem nackt Modell, „wofür ein Arbeits- bzw. Wohnraum mit Bett bzw. Liege angenommen werden kann“.

Beim Rundgang durch das Wien Museum am Karlsplatz stößt man auf das recht rustikale „Wohnzimmer mit Kaminraum aus der Wohnung des Architekten Adolf Loos“. Auf der Website erfährt man, dass es sich dabei um „eines der Highlights in der Dauerausstellung“ und um „ein rares, authentisch erhaltenes Beispiel Loos’scher Innenraumgestaltung“ halte.

Hier also (oder direkt daneben) hat sich Loos über die Mädchen hergemacht. Ein Absperrband „Tatort“ wird man allerdings nicht finden. Und auch keinen offensichtlichen Hinweis. Wiewohl Jahr für Jahr Tausende Schülerinnen und Schüler durch diese Kammer geschleust werden.

„Toxischer Umgang“

Besonders perfide sind die Wandtexte an der Außenseite. Denn sie lenken von Adolf Loos ab: Die „Obsessionen des Peter Altenberg“ werden angeteasert, den klaren Ausdruck „pädophile Neigung“ aber vermeidet man. Und Caroline Obertimpfler, die 1903 Loos heiratete, wird zitiert: „Peter Altenberg galt als Frauenverehrer. Er war es nicht. Er hat uns gehaßt, wie er reiche Leute haßte.“ Doch was ist mit Loos? Lina ließ sich schon bald (1905) scheiden: Sie habe „den toxischen Umgang mit Frauen, der für Altenberg, Loos und viele andere Männer charakteristisch war“, erkannt.

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Gegenüber zeigt man im Wien Museum ein vergrößertes Foto des Schlafzimmers aus 1903 – mit dem Hinweis auf das MAK. 

Im Loos-Chalet mit Esstisch, Kamin und Kuschelecke ist auch ein Foto affichiert. Es zeigt das Schlafzimmer von Lina Loos. Und wenn man auf dem Display herumblättert, entdeckt man ein paar Zeilen zum „Sexualstraftäter“, bekommt aber weit mehr Informationen über die Wohnung – und das mit Angorafellen und weißen Textilien ausgekleidete Schlafzimmer von Lina Loos: Es sei „das berühmteste Schlafzimmer der Wiener Moderne“, eine Rekonstruktion befinde sich im Museum für angewandte Kunst.

Tatsächlich? Nicht ganz.

Das Schlafzimmer wurde 2014 anlässlich der Ausstellung „Wege der Moderne“ anhand der Fotografien nachgebaut, ist aber längst „zerlegt und verwahrt“, so das MAK.

2024 kam es zu Interventionen von Studierenden der Angewandten in die Schausammlung Wien 1900. Fiona Hauser thematisierte dabei den Kindesmissbrauch von Loos: Sie vermisste einen entsprechenden Kommentar – und stellte auf einem Lesepult die „Fallakte Loos“ aus. Das MAK nahm sich die Kritik zu Herzen: In der Neuaufstellung „Wien 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk“, die am 24. Februar eröffnet wird, werde es Loos „explizit als Missbrauchstäter erwähnen“.

Vielleicht sollten die Studierenden der Angewandten auch einmal im Wien Museum vorbeischauen?

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