Linkin Park in Wien: Tolle Show mit wenig charismatischer Sängerin
Die angekündigten heftigen Gewitter blieben aus, als Linkin Park kurz vor 21.00 Uhr im Wiener Ernst-Happel-Stadion auf die Bühne kamen. Nass geworden waren nur die, die früh anreisten, um die Vorgruppen Clipse und Phantogram zu sehen. Während der seit fast einem Jahr ausverkauften Show der amerikanischen Nu-Metal- und Crossover-Pioniere allerdings blieben die 57.000 Besucher trocken.
Das ist nicht die einzige Überraschung. Nachdem Linkin Park im Vorjahr am Nova-Rock-Festival ein eher laues Set abgeliefert hatten, stimmt die Energie hier von der ersten Minute an. Und wie gut sich die neue Sängerin Emily Armstrong, die am Nova-Rock erst 25 Shows mit der Band gespielt hatte, mittlerweile in die Gruppe eingefunden hat, hört man sofort beim Einstieg mit „Empitness Machine“.
2024 verlauteten Linkin Park, dass sie nach dem Freitod ihres legendären Sängers Chester Bennington im Jahr 2017 mit Armstrong ein Album rausbringen und auf Tour gehen werden. Wie immer in so einer Situation hieß es damals, Armstrong wolle Bennington nicht ersetzen oder kopieren, nur sein Erbe ehren und weiterführen.
Emily Armstrong
Sie kann ihn gar nicht ersetzen. Das hört man ebenfalls gleich am Beginn der Show beim Klassiker „Crawling“. Die 40-Jährige hat eine kräftige, aber sehr saubere Stimme, der es an Charakter und Tiefgang mangelt. Den starken Ausdruck und die Emotionen, die die geschundene Seele von Bennington (Kindesmissbrauch über mehrere Jahre, ein Leben lang schwerste Depressionen) in jeden Ton von „Crawling“ oder bei „Somewhere I Belong“ in den Ruf nach Heilung legen konnte, kriegt sie nicht hin. Sie singt schön, wo er Schmerz transportierte. Sie ist sympathisch, er war charismatisch.
Aber abgesehen davon, dass man jetzt nur ihretwegen hier im Stadion stehen und die Band noch einmal erleben kann, bereichert sie Linkin Park auf andere Weise. Sie ist Vollblutmusikerin, begann mit elf Jahren Gitarre zu spielen und eigene Lieder zu schreiben. Immer wieder greift sie im ersten Teil zur Gitarre und bei „When They Come For Me/Remember The Name“ sitzt sie am Schlagzeug, während Mike Shinoda, der musikalische Kopf der Band, ins Publikum geht und die Massen als Chor engagiert. Am besten ist Armstrong natürlich bei den Songs von „From Zero“, die sie mitgeschrieben hat, die für sie kreiert wurden.
Die Interaktion der beiden Frontleute, die schon mit Bennington ein Markenzeichen von Linkin Park war, klappt auch hier bestens. Die Raps von Shinoda wechseln sich mit dem Gesang von Armstrong ab oder unterlegen ihn. Damit liefern Linkin Park schon rein stimmlich mehr Facetten als die meisten Rock-Bands.
Mike Shinoda
Linkin Park zeigten in Wien musikalische Bandbreite
Was die Show im Ernst-Happel-Stadion aber so ansprechend macht, ist die musikalische Bandbreite, die Linkin Park drauf haben. In die oft wütenden, immer hoch energetischen Metal-Sounds mischt das Sextett Hip-Hop-Rhythmen, poppige Keyboard-Riffs und sanfte Pianopassagen, krönt all das mit hymnischen Refrains. Im Mittelteil der Show hat DJ Joe Hahn ein Solo, scratcht mit seinen Turntables wie ein Weltmeister. Ein Highlight ist danach „Lost“, bei dem sich Armstrong nur von Shinodas Piano begleiten lässt.
Dazu gibt es einen guten Sound und nur akzentuierende, an den perfekten Stellen eingesetzte Showeffekte mit Konfetti-Kanonen, Rauchfontänen und Laserstrahlen. Geteilt ist das Konzert in vier Akte, die mit Videoeinspielungen getrennt werden und den emotionalen Bogen darüber spannen - von der Vergangenheit, dem Zusammenbruch und der Verarbeitung von Trauer bis hin zur Heilung und dem neuen Aufblühen der Band. Das spiegelt sich auch in dem zum Schluss oft strahlenden Gesicht von Mike Shinoda, der sichtlich glücklich ist, wieder mit Linkin Park auf der Bühne stehen zu können.
Am meisten umjubelt sind in Wien natürlich die Linkin–Park-Klassiker, allen voran „Breaking The Habit“ und „Bleed It Out“. Und das Gänsehaut-Finale der „From Zero“-Show mit Linkin Parks größtem Hit „In The End“ und „Papercut“ wird ewig in Erinnerung bleiben.
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