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Kultur
06/15/2019

Legendärer Regisseur Franco Zeffirelli ist tot

Der Italiener, bekannt für seine "Romeo und Julia" - Verfilmung und diverse Operninszenierungen, wurde 96 Jahre alt.

Kaum ein anderer Regisseur hat die italienische Oper so opulent und glanzvoll in Szene gesetzt wie Franco Zeffirelli. „Zu viel war ihm noch nie genug“, wurde einst über ihn geschrieben. Einen einfachen Charakter hatte er nicht, er war undiplomatisch und eigenwillig, manchmal radikal in seinen Ansichten und zornig auf alles, was ihm nicht ins Konzept passte.

„Ich war immer schon ein zynischer, alter Wolf“, bekannte er einmal. Am Samstag ist Zeffirelli, der sich zeitlebens gern als kettenrauchender Dandy gab, nach langer Krankheit im Alter von 96 Jahren gestorben. Die Vorstellung des Ablebens - plötzlich nicht mehr Teil dieser Erde zu sein - mache Angst, sagte er im Jänner 2018 kurz vor seinem 95. Geburtstag. Gearbeitet hatte er bis zuletzt: Am 21. Juni wird die kommende Opernsaison in der Arena von Verona mit der Verdi-Oper „La Traviata“ in einer von ihm neu geschaffenen Inszenierung eröffnet, auch sein 2Il Trovatore" gelangt dort zur Aufführung.

Der impulsive Zeffirelli konnte dabei auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken. Er studierte Architektur, leitete eine Studentenbühne, kämpfte ab 1943 als Partisane gegen die deutschen Besatzer. Nur knapp entging er der Erschießung durch die Faschisten. 1946 schloss sich Zeffirelli Luchino Viscontis „Morelli-Stoppa“-Gruppe als Schauspieler und Bühnenbildner an. Zusammen mit Salvador Dali entwarf er die Kulissen für Inszenierungen der Shakespeare-Stücke „Wie es euch gefällt“ und „Troilus und Cressida“. Visconti, für den er als Assistent arbeitete, zählte zu seinen Freunden. Zeffirelli, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte, führte 1953 erstmals an der Mailänder Scala Regie. Internationales Aufsehen erregte er 1958 mit seiner unorthodoxen Interpretation von Verdis Oper „La Traviata“, die er 1983 auch verfilmte.
 

Den Durchbruch als Theater-Regisseur schaffte Zeffirelli 1960 mit seiner Inszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Die Filmversion dieser Tragödie wurde 1967 einer seiner größten Kino-Erfolge. 1973 entstand sein Franz-von-Assisi-Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“, der im Vatikan hitzige Reaktionen auslöste. 1977 verfilmte er mit einer Starbesetzung den TV-Vierteiler „Jesus von Nazareth“. Zu seinen Erfolgen zählt auch der Film „Der junge Toscanini“ (1988) mit Elizabeth Taylor und Philippe Noiret. Die Geschichte seiner Kindheit im Rahmen einer Gruppe von Tanten und schrulligen englischen Ladies erzählte er im Film „Tee mit Mussolini“ mit der amerikanischen Schauspielerin und Sängerin Cher.

„Ich bin kein Mystiker, ich bin ein Pragmatiker“, sagte Zeffirelli einmal über sich. Religion und Ideologie seien seine Sache nicht. Aber das sollte sich ändern: Nach einem schweren Autounfall im Jahr 1969, bei dem die italienische Filmdiva Gina Lollobrigida am Steuer saß, fand er zu tiefer Frömmigkeit und zog entsprechend gegen die „Sexwelle“ im italienischen Kino zu Felde.

Die große Vorliebe des Regisseurs blieben Opern, deren Inszenierung er sich ein Leben lang leidenschaftlich widmete. Nie sparte Zeffirelli mit Kritik an den Operndirektoren und -regisseuren. „Das einzige Ziel der Regisseure ist heute, sich auf egozentrische Weise selbst auszudrücken, ohne Rücksicht auf den echten Inhalt einer Oper. Ich glaube, dass man originell sein und zugleich das Werk eines Autors respektieren kann“, sagte Zeffirelli. „Es tut mir sehr Leid, dass in den letzten 80 Jahren kein Musikgenie mehr zur Welt gekommen ist. Puccini ist 1924 gestorben und mit ihm die italienische Oper“, fügte der Filmemacher hinzu.

An der Wiener Staatsoper gehören einige von Zeffirellis Inszenierungen zum fixen Inventar: Seine „La Boheme“ aus 1963 wurde bereits 427 Mal gespielt, das nächste Mal Mitte März, seine „Carmen“ aus dem Jahr 1978 erlebte 161 Vorstellungen, zuletzt in der Vorwoche, und der „Don Giovanni“ hielt sich immerhin von 1972 bis 2005 im Repertoire.
 

Konservativer Geist

Der Starregisseur war in Italien nicht nur wegen seiner Filme, sondern auch wegen seines politischen Engagements und seiner radikalen Aussagen bekannt. Zwei Mal wurde der politisch eher konservative Zeffirelli in den Reihen der Forza Italia, der Partei des Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, zum Parlamentarier gewählt. „Ich würde es aber nicht wieder machen“, versicherte Zeffirelli, der ein guter Freund Berlusconis war.Schon 1991 hatte er die arabische Kultur als „barbarisch, primitiv und gewalttätig“ bezeichnet, was hitzige Reaktionen ausgelöst hatte.

Der islamische Fundamentalismus richte „mehr Schaden an als die Nazis“, meinte Zeffirelli. Zuletzt kritisierte er die Missstände in vielen Städten, darunter Rom. „Italien ist das schönste Land der Welt, voller wunderbarer Städte, die jedoch nicht genug gepflegt werden. Dieser Niedergang hat bereits in den 50er-Jahren mit dem Wirtschaftsboom begonnen, als schreckliche Dinge gebaut wurden. Wir verfügen über wunderbare Schätze, doch wir tun wirklich sehr wenig, um sie zu bewahren“, kritisierte Zeffirelli.

Renaissance-Mann

Erst im April 2016 bestätigten Experten eine Vermutung, die schon lange über Zeffirellis Abstammung kursierte: Der Maestro war tatsächlich ein Nachfahre des Universalgenies Leonardo da Vinci (1452-1519). In Zeffirellis Familie war dies schon länger bekannt, hatte der Regisseur doch bereits 2007 anlässlich der Verleihung des „Premio Leonardo“ erklärt: „Meine Familie, die Corsi, stammt unter anderem von Leonardo da Vinci ab.“ Das Publikum lächelte und dachte, Zeffirelli mache einen Scherz.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Zeffirelli zurückgezogen. In den Fokus rückte er noch mal im Zuge der #MeToo-Debatte, in der ihn der US-amerikanische Schauspieler Johnathon Schaech mit schweren Vorwürfen konfrontierte. Die Behauptungen seien nicht wahr, teilte der Adoptivsohn Giuseppe Corsi mit. Zeffirellis Gesundheit ließ es nicht mehr zu, sich selbst zu den Vorwürfen zu äußern. Franco Zeffirelli starb in seiner Wahlheimat Rom. In der Villa auf der Via Appia Antica hat der Meister der italienischen Opernregie in Anwesenheit seiner Adoptivsöhne und seiner Hunde seine letzten Stunden verbracht. Begraben werden soll er in seiner Geburtsstadt Florenz. 2017 hatte die Stadt ihm zu Ehren ein Kulturzentrum in einem ehemaligen Justizpalast unweit des Rathauses Palazzo Vecchio eingeweiht.