Landestheater NÖ: Diese "Möwe" kreischt solide, aber ein bisschen zu laut

46-220581880
Tschechows Drama gerät robust, es fehlen Zwischentöne

Eine Handvoll Menschen, die sich nach ein bisschen Glück, ein bisschen Liebe und Erfüllung sehnt. Zu viel verlangt? Natürlich, das hier ist Tschechow. Am Ende steht meist Desillusion. Eine Erinnerung mit Nachgeschmack. Liebe gibt es, ja, doch man liebt einander im Kreis und keiner liebt zurück. Es bleibt nur der sehnsüchtige Blick auf den See vor dem Landhaus, in dem man sich hier versammelt hat.

Am Landestheater St. Pölten zeigt man jetzt eine „Möwe“, der das Zarte abhandengekommen ist. Max Lindemanns Inszenierung – es ist seine erste Regiearbeit in St. Pölten – ist solide, aber zu barsch geraten, die Zwischentöne fehlen.

„Die Möwe“, angesiedelt um 1895 auf einem russischen Landsitz, erzählt vom angehenden Schriftsteller Konstantin, genannt Kostja, (Julian Tzeschenke) der vor den versammelten Gästen seiner Mutter, einer erfolgreichen Schauspielerin, sein neues Stück zeigen will. In der Hauptrolle: Seine Geliebte Nina, die für das Glück, Schauspielerin zu sein, „alles hinnehmen“, würde, „den Hass meiner Familie, Armut, Enttäuschung.“ Der beherzt agierenden Laura Laufenberg nimmt man das ab.

Ein Versager?

Die Enttäuschung wird zunächst Kostja zu verkraften haben. Das Stück fällt durch, seine Mutter hält ihn für einen Versager und Nina liebt einen anderen, ausgerechnet den Freund von Kostjas Mutter, den erfolgreichen Schriftsteller Trigorin (Nikola Gemel, er hat, etwas holzhammerartig, immer ein Buch in der Hand). Nina wird mit ihm fortgehen, aber nicht glücklich werden. Kostja wird am Ende der erfolgreiche Schriftsteller geworden sein, der er sein wollte. Allein, das persönliche Glück wird er nicht finden.

Alles kreist auf diesem Landsitz um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Das Bühnenbild: eine nach hinten offene schuhkartonartige Kulisse, nicht besonders ansprechend, aber die Illusion, da hinten liege irgendwo ein See, auf den man immer leidenschaftlich blickt, funktioniert (Bühne: Katja Pech).

Kostja ist ein ungestümer, in seiner Verzweiflung fast clownesker Gerade-nicht-mehr-Teenager: Dass ihn seine Mutter, die Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina (Julia Kreusch) immer wieder vorn den Kopf stößt, kann man kaum mitansehen. Er tut einem leid. Sie aber auch, er ist in seiner Überdrehtheit nicht immer liebenswert. Die Ausstattung trägt ihren Teil dazu bei, beide als hysterisch darzustellen: Sie als leicht überwuzzelte Diva, die meint, der Sohn lasse sie alt aussehen: Ohne ihn gehe sie als Anfang dreißig durch, kaum aber ist der lange Lulatsch da, verrät er ihr wahres Methusalem-Alter: 46. Er als magerer Halbwahnsinniger, so gut wie immer fast nackt: So einem kann man gut beim Scheitern zuschauen. (Kostüme: Cedric Mpaka).

Worum geht es eigentlich? Auch um Liebe. Und um künstlerische Auffassungen. Kostja ist der junge Wilde – in einer Szene hat man ihn als „Möwe“ mit Kreide angemalt wie Günter Brus – der meint, das Theater seiner Mutter habe der Welt nichts mehr zu sagen. Das Stück, das er geschrieben hat (Regisseur Lindemann hat es umschreiben lassen), soll das etablierte Theater infrage stellen. In Wahrheit versteht man nichts voneinander.