"Die Psychiatrie ist für viele Horrorbilder verantwortlich“
Was ist, eigentlich, normal? Was nicht – und warum nicht?
Wenn man über diese Fragen nachzudenken beginnt, landet man schnell bei vielen weiteren Fragen, keine davon ist leicht zu beantworten.
Wie sich der Begriff von Normalität, auch von (geistiger) Gesundheit gewandelt hat, wie mit Menschen umgegangen wird, die nach der jeweiligen Auffassung „nicht normal“ sind. Wie weit man geht, um jemanden zu therapieren, der als „geistig krank“ gilt. Und in was für einer Art von Gesellschaft wir leben – nämlich wie diese mit Schwächeren, Kranken, mit angeblicher Normalität und den Abweichungen davon umgeht.
Mit diesen Fragen in der Hinterhand ist man gut gerüstet für die heurige Landesausstellung Niederösterreich. Auf dem Gelände des Klinikums Mauer bei Amstetten setzt sich die nämlich damit auseinander, was passiert, „Wenn die Welt Kopf steht“, so der Ausstellungstitel, also mit „Mensch, Psyche, Gesundheit“.
Nun, was ist normal, „gesund“? Diese Frage, sagt der Psychiater und Autor Paulus Hochgatterer, beantwortet man sich nicht selbst. „Das ist etwas, das die Gesellschaft rund um mich beantwortet. In einer entspannten, liberalen, gewährenden Gesellschaft ist der Rahmen, in den möglichen Antworten stecken, weiter als in einer vielleicht gerade sehr restriktiven Gesellschaft.“ Oder kurz gesagt: „Die Antwort ist einer ständigen Veränderung entworfen.“
Diese Veränderung zeichnet die Schau, in deren wissenschaftlichem Beirat Hochgatterer sitzt, auch nach. Schließlich galt etwa Homosexualität einst als geistige Krankheit, als strafrechtlich relevante „Störung“ – und das ist alles andere als lange her. „Was sich schon insgesamt verändert hat, ist, dass man in der Beantwortung dieser Frage entspannter geworden ist“, sagt Hochgatterer. „Es ist heute mehr normal als früher.“
Das Bild von geistiger Erkrankung, insbesondere auch die Therapie, hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Aber „Aufklärung ist ein Prozess, der nicht von selbst passiert“, sagt Hochgatterer. „Aufklärung ist ein Prozess, der immer ganz bewusst vorangetrieben werden muss.“
„Menschen getötet“
Der Aufklärung widmet sich die Ausstellung auch beim dunkelsten Kapitel der Psychiatriegeschichte. Hier wurde an Menschen experimentiert, oftmals auf die grausamste Art. „Es hakt nach wie vor im Umgang mit der Geschichte der Psychiatrie“, sagt Hochgatterer. „Natürlich hat die Psychiatrie begonnen, sich den problematischen Perioden ihrer Geschichte zu stellen. Und das passiert sehr differenziert.“
Aber „als Psychiater sich bewusst zu machen, dass man in einer Zeit, die, um jetzt von mir zu sprechen, ganz kurz vor der eigenen Lebenszeit lag, dass man da Bestandteil einer Maschinerie gewesen wäre, die Menschen nicht geheilt, auch nicht nur segregiert, sondern getötet hat – das ist harter Stoff“. Die Landesausstellung setze diesen Schritt „ganz bewusst und baut auf neuen Erkenntnissen auf.
Die Ausstellung gibt diesem Kapitel an mehreren Stellen Raum, denn sie ist eine Themen-, keine chronologische Schau, sagt Kurator Niko Wahl – „sodass man ein Spektrum sieht, was möglich ist, von einer sehr positiven Psychiatrie bis hin zu einem sehr schlimmen Umgang mit kranken Personen“. Forschungsprojekte haben dafür Biografien von NS-Opfern aufgearbeitet, man habe Nachkommen in den USA kontaktiert.
Es soll die gesamte Ausstellung kein „Lehrbuch“, keine „Informationsveranstaltung“ sein. Sie ist „ein erzählerisches Medium“.
„Weg von der Zwangsjacke“
Eingangs geht es um die Definition: Wer bestimmt, ob jemand krank oder gesund ist? Themenverwandt der zweite Abschnitt, in dem es um Diagnosen und deren Veränderung im Laufe der Zeit geht. „Den größten Teil macht die Reaktion der Gesellschaft“, der dritte Abschnitt, aus, sagt Wahl. „Ermöglichen wir ein Leben in der Gesellschaft – oder sperren wir die Menschen weg?“ Gerade in diesem Bereich, sagt Hochgatterer, hat sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven gewendet, weg von der Abtrennung der Kranken hin zu einer „fürsorglichen und bewussten Integration der Menschen in die Gesellschaft. Das ist für mich als Psychiater die einzig akzeptable, aber im historischen Längsschnitt eine sehr erfreuliche Entwicklung. Wenn man es sehr pointiert formulieren wollte, weg von der Zwangsjacke hin zur Teilhabe.“
Schließlich geht es noch um die Therapie. „Die Möglichkeit, sanft in das Gehirn als Sitz der menschlichen Psyche einzugreifen, ist in den letzten Jahrzehnten ganz massiv mehr und besser geworden“, sagt Hochgatterer. Aber birgt die Therapiegeschichte nicht – auch abseits der schrecklichen NS-Zeit – bei der Psychiatrie Schreckensbilder, wie man mit kranken Menschen umgegangen ist? „Die Psychiatrie ist für viele Horrorbilder verantwortlich“, sagt Wahl. Die ihr eigene „Tendenz zu martialischen Interventionen“, sagt auch Hochgatterer, „die in Wahrheit ein Ergebnis großer Ratlosigkeit war, diese Tendenz gibt es viel weniger, aber ich denke, sie ist nicht ganz weg.“
Gleichzeitig sei die Psychiatrie „nicht einfach eine Heilsgeschichte, die sich immer nur progressiv zu etwas Besserem entwickelt hat“, sagt Wahl. Auch die Psychiatriegeschichte berge Erkenntnisse, die wieder wertvoll werden, wie den „Sanatoriumsboom“, sagt Wahl. „Diese Zuwendung zur Entspannung und zur Natur ist ein sehr aktueller Ansatz.“
Insgesamt sei es „die einzig richtige“ Entscheidung, die Ausstellung bei laufendem Betrieb in der Klinik zu zeigen, sagt Hochgatterer. Denn es gehe um Entstigmatisierung, um Aufklärung in Bezug auf geistige Krankheiten – und darum, „vielfältige Perspektiven auf die Psyche weiterzugeben“.
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