Der Charme der Trockenhaube

FOTOPROBE WIENER STAATSOPER: LA CENERENTOLA
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Gioachino Rossinis "La Cenerentola" wurde an der Wiener Staatsoper szenisch zum Erfolg.

Diese Produktion macht Lust auf den nächsten Italien-Urlaub. Am besten in einem verschlafenen Nest, wo es wirklich noch aussieht wie in den 1950er-Jahren, irgendwo in Kalabrien oder auf Sizilien, ja nicht in der Toskana, wo die Macht des Geldes auch optische Spuren hinterließ.

Sven-Eric Bechtolf inszenierte an der Wiener Staatsoper Rossinis „La Cenerentola“, also die berühmte Opernversion vom Aschenbrödel, die sich vom Original primär dadurch unterscheidet, dass es hier einen bösen Stiefvater anstelle der -Mutter gibt. Seine Regiearbeit ist zauberhaft genug für diesen Märchenstoff – wenn etwa die tote Mutter auftaucht, um ihren Brautstrauß auf die Bühne zu werfen, den der Prinz dann dem Aschenbrödel, also Cenerentola, überreicht.

Sie punktet aber vor allem durch einen Kunstgriff: Die Handlung an einem fiktiven italienischen Ort namens San Sogno (zu deutsch: heiliger Traum) anzusiedeln und in die 50er-Jahre zu verlegen.

Impressionen der Oper

Viel Ironie

Man sieht wunderschöne Automobile aus dieser Zeit, die der schrille Prinz sammelt. Es gibt eine Gelati-Frau, die mit dem Fahrrad hereingebracht und von Ildebrando D’Arcangelo als Alidoro begrapscht wird (damals war man Sexismus gegenüber noch toleranter als heute, wie die Diskussion um Rainer Brüderle beweist). Es gibt Trockenhauben auf der Bühne (Rolf Glittenberg), die allen Ernstes viel Charme versprühen. Ironische Kostüme (Marianne Glittenberg), vor allem für die sehr guten Choristen, die in diesem Outfit als Transen beim Dschungelcamp mitmachen hätten können. Und die bösen Stiefschwestern sehen aus, als wären sie Teilnehmerinnen bei „Italia’s next Topmodel“.

Zu Beginn des zweiten Aktes gibt es sogar Szenenapplaus für das Bühnenbild – das hatte man an der Staatsoper lange nicht mehr erlebt.

Das Beste ist aber die Personenführung von Bechtolf, der Opernsängerinnen und -sängern die Statik austreibt und sie spielfreudig macht. Da stimmt jedes Detail, das Partitur und Libretto bebildert. Wenn etwa die Cenerentola am Boden kniet, mit einer Bürste den Boden wäscht und sich damit auch die Haare kämmt, passt das ideal zu ihrem Lied vom König, welcher dereinst kommen werde, um die Wahl seiner Zukünftigen nach inneren Werten und nicht nach der Optik zu treffen. Eine glänzende Arbeit, die manchen zu platt war, bei näherer Betrachtung aber mit enormem Einfallsreichtum besticht.

Wenig Esprit

Leider ist das Dirigat von Jesús López-Cobos nicht annähernd so humorvoll, dynamisch, frech und jung wie die Regie. Seiner „Cenerentola“-Umsetzung fehlt es an Tempo, Präzision, Strukturiertheit, an Schärfe. Das wunderbare Staatsopern-Orchester hätte diesfalls einen Maestro gebraucht, der es mehr fordert und sich nicht mit einer fast buchhalterischen Abwicklung der Partitur zufrieden gibt. Die Sängerin der Titelpartie ist jedoch eine echte Entdeckung. Tara Erraught spielt die vom hässlichen Schwan zur Prinzessin werdende Angelina quirlig und berührend, ihr Mezzo ist zu perlenden Koloraturen und klarer Höhe fähig.

Dmitry Korchak als Prinz ist eine seriöse Wahl mit schönem lyrischen Tenor, der durchaus Kraft besitzt, in der Höhe aber etwas unsauber wird. Vito Priante als sein Diener Dandini tritt auf wie ein Gigolo, ein Schnulzen-Sänger auf einem Kreuzfahrtschiff – singt aber doch um einiges besser, wenngleich sein Bariton doch recht klein für das große Theater ist.

Alessandro Corbelli als alter Haudegen gibt den Don Magnifico pointenreich, Ildebrando d’Arcangelo hat als Alidoro die stärkste Bühnenpräsenz und die größte Stimme. Die Stiefschwester Clorinda (Valentina Nafornita) und Tisbe (Margarita Gritskova) sind choreografisch bestens geführt und sängerisch überzeugend.

Eine gute, späte erste richtige Saisonpremiere – nach einer Barockoper mit Fremdorchester und der überarbeiteten Koproduktion mit Salzburg bei der „Ariadne“.

KURIER-Wertung: **** von *****

(KURIER) Erstellt am
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