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Nachruf auf VALIE EXPORT: Eine Pionierin der Kunst in Großbuchstaben

Sie vereinte Körper und Medien zum feministischen Werk und wurde eine der prägendsten Künstlerinnen der Nachkriegszeit. Nun starb sie 85-jährig.
++ ARCHIVBILD ++ KUNSTIKONE VALIE EXPORT 85-JÄHRIG GESTORRBEN

Nein, das mit der Großschreibung war keine Marotte.

VALIE EXPORT hat sich mit ihrer Kunst gegen eine in sich verschachtelte Männerwelt behauptet. Nicht nur gegen jene da draußen, in die man anlässlich ihres Todes nur drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag zurückzufühlen angehalten ist. In das Österreich der 1960er, 1970er Jahre, als die Frauen noch ihren Mann um Erlaubnis bitten mussten, arbeiten gehen zu dürfen. Nein, auch die Kunstwelt war damals noch extremer als heute unter den Männern aufgeteilt, auch in der sogenannten Avantgarde, in der VALIE EXPORT verkehrte.

Und mit der und gegen die sie sich sichtbar machen musste, mit ihrer Kunst, mit ihrem Künstlernamen, mit ihren Großbuchstaben.

Austrian avant-garde artist Valie Export addresses the media in Vienna

Manche künstlerische Errungenschaft scheint im Rückblick weit kleiner, als sie zum Zeitpunkt ihres Entstehens wahrgenommen wurde. Bei VALIE EXPORT ist das Gegenteil der Fall. Ihr kompromissloser Zugang zu Medienkunst und Provokation, zu feministischen Positionen und zur Körperlichkeit, die die heimische Kunst von damals zurecht als eine der großen Fehlstellen in der österreichischen Seele erkannte: Dass im damaligen Wien ein Werk wie jenes von VALIE EXPORT entstanden ist, erstaunt heute mehr denn je.

Man kennt ihre Greatest Hits: die „Aktionshose: Genitalpanik“, das zur Ikone gewordene Foto, für das EXPORT 1969 mit einer im Schritt ausgeschnittenen Hose posierte. 

AUSTRIA-ART-EXHIBITION

Das VALIE EXPORT-Selbstporträt, für das die Künstlerin ein umgestaltetes Zigarettenpackerl offensiv in die Kamera hielt. Den Ausflug mit Peter Weibel an der Hundeleine. Das „TAPP und TASTKINO“, bei dem man für 33 Sekunden ihre Brüste berühren durfte.

Repression

Aber das umfassende Werk der am 17. Mai 1940 als Waltraud Lehner in Linz geborenen Künstlerin – Filme, Videos, Fotos und Installationen – hatte Widerhall weit über diese Ikonen hinaus. Denn viele Themen der feministischen Avantgarde sind bis heute Schmerzenspunkte in der öffentlichen Debatte, etwa jene um die häusliche Repression, die Kernfamilie – und den Grad der Freiheit, der in dieser Konstellation den Frauen zukommen kann.

„Das Ideale wäre, dass niemand diskriminiert wird“, sagte die Künstlerin 2020 in einem KURIER-Interview. „Weder das Kind, noch die Mutter, noch der Vater. So weit sind wir aber noch nicht.“ Überhaupt: Das Schaffen von VALIE EXPORT ist auch heute noch als aktuelle Fragestellung an die Gesellschaft zu lesen. Etwa im Frauenbild: „Das moderne Frauenbild ist natürlich perfekt“, sagte sie. „Gute Figur, schön angezogen, einen eigenen Beruf, Kinder und verheiratet. Das ist natürlich eine wahnwitzige Selbstausbeutung. Von ‚gleichen Rechten, gleichen Pflichten, gleicher Bezahlung‘ sind wir noch immer weit entfernt.“

Wie man schlagkräftige Bilder gestaltet und damit wehrhaft-kritisch gegen ausbeuterische Blickregime vorgeht, wusste VALIE EXPORT schon sehr früh. In ihren Fotodokumenten ihrer Aktionen vermengte sie Bewahrung ihres künstlerischen Schaffens – und Selbstinszenierung. Dabei war ihr lange nicht klar, dass sie Künstlerin werden wollte. Denn „den Begriff ‚Künstlerin‘ habe ich nicht gekannt“, sagte sie in einem Interview. „Es gab nur den ‚Künstler‘ – und dieser Begriff war mit Autorität und Dominanz verbunden.“

Die erlebte sie selbst, im Umfeld des Wiener Aktionismus – sie war mit Peter Weibel, Hermann Nitsch und Kurt Kren Mitglied des von Otto Muehl und Günter Brus gegründeten „Wiener Instituts für direkte Kunst“, dessen Frauenbild sie jedoch ablehnte. „Es war eben so eine Männerclique“, sagte sie.

PRESSEFÜHRUNG AUSSTELLUNG "VALIE EXPORT - RETROSPEKTIVE"

Sie selbst ist unter Frauen aufgewachsen: „Meine Mutter war Kriegerwitwe. Wir waren drei Schwestern, und unsere Mutter musste das Leben mit ihren drei Mädchen gestalten. Ihr Ziel war, dass jede ihre Töchter studieren kann, um einen besseren Start zu haben und ihr eigenes Geld zu verdienen. Mit diesem Gedanken bin ich aufgewachsen und erzogen worden – und diesen Gedanken wollte ich weitergeben.“

Mit 18 bekam sie ein Kind (sie nannte es Perdita, die Verlorene), heiratete – und ließ sich alsbald wieder scheiden, was für „viele Diskussionen“ in der Familie sorgte.

Für aufgeregte Debatten sorgte auch ihre Kunst; damals schon suhlte sich das Land gern im Kunstskandalgeschrei. Für ein Buch mit Peter Weibel wurde sie wegen Pornografie angeklagt, verlor das Sorgerecht für ihre Tochter. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagte sie. Aber ja, sie sei stolz: „Denn ich weiß, wie viel Energie in meiner Arbeit steckt. Und weil ich die Jahre durchgestanden habe, obwohl ich immer wieder attackiert wurde, obwohl ich lange keine Chance hatte, in Österreich rezipiert zu werden.“

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