© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kritik
09/29/2021

"Barbiere" an der Staatsoper: Der knallbunte Irrsinn hat Methode

Gioachino Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ in der Inszenierung von Herbert Fritsch und mit musikalisch großteils sensationellen Leistungen an der Wiener Staatsoper

von Peter Jarolin

Ja, darf man denn das? Darf man mit Gioachino Rossinis Klassiker „Il Barbiere di Siviglia“ einfach lustvoll spielen?

Darf man diese so populäre Opera buffa aus dem Jahr 1816 einfach als Folie für ein Körberakrobatik-Turnier der Superlative verwenden?

Darf man das Werk (ganz ohne Requisiten) szenisch einfach irgendwo zwischen Commedia dell’ arte, Stand-up-Comedy und hemmungslosen Slapstick ansiedeln?

Ja, man darf, wenn man es so gut kann wie Herbert Fritsch.

Inszenierung

Mit seiner knallbunten, auch überdrehten,  aber perfekt umgesetzten  Inszenierung hat Herbert Fritsch die legendäre Produktion von Günther Rennert aus dem Jahr 1966 abgelöst.

Dirigat
Michele Mariotti und das Orchester sind sensationell.

Gesang und Spiel
Juan Diego Flórez,  Vasilisa Berzhanskaya, Ildar Abdrazakov, Etienne Dupuis, (mit Abstrichen)  Paolo Bordogna und die tolle  Ruth Brauer-Kvam brillieren vokal und mit  ihrer Körperarbeit.

 

Körperakrobatik

Er hat der Wiener Staatsoper nach 55 (!) Jahren nun einen neuen „Barbiere“ beschert, dabei perfekt aus der geballten theatralischen Trickkiste geschöpft und eine Produktion der Überhöhungen, der Behauptungen, des konsequent ausgelebten Irrsinns geschaffen. Da ist alles stets in Bewegung, da sind auch die Sänger zu übrigens exzel-lent durchchoreografierten Körperleistungen gezwungen.

Ein paar groß dimensionierte farbige Folien (toll die bunte, fast an Pop-Art gemahnende Lichtregie von Carsten Sander) genügen, um für rasant wechselnde Schauplätze zu sorgen. Alles dreht sich, verschiebt sich, schafft Räume, Gassen und Gehwege; die fabelhaft stilisierten grellen Kostüme (was für Frisuren!) von Victoria Behr tragen ihr Übriges dazu bei, dass auf der leeren Bühne (auch Herbert Fritsch) ein stetes Tohuwabohu herrscht. Das mag manchen Besuchern – am Ende gab’s auch ein paar Buhs – nicht gefallen haben; aber der Irrsinn hat Methode. Einziger Einwand: Die Staatsoper wird bei einer anderen Sängerbesetzung viel zu tun haben, diese Aufführung wieder so auf den Punkt zu bringen.

Das gilt auch für die musikalische Seite. Denn Dirigent und Hausdebütant Michele Mariotti sorgt am Pult des famos einstudierten und entsprechend aufspielenden Orchesters für ein absolutes Rossini-Fest. Welch herrliche, virtuose Klangfarben, welch Eleganz, welch Witz, welch fein abgestimmete Nuancen und welch Dynamik – so hört man Rossini nicht alle Tage. Frenetischer Jubel war Mariotti und dem Orchester von der einleitenden Sinfonia bis zum effektvollen Finale sicher.

Vokalakrobatik

Auch die Interpreten konnten sich über große Zustimmung freuen. Zurecht. Tenor Juan Diego Flórez ist mit der Rolle des Grafen Almaviva nach Ausflügen in das eher dramatische Fach zu seinem Kernrepertoire zurückgekehrt.

Bei Rossini kommen seine traumhaften Höhen, seine schönen Lyrismen, seine makellosen Registerübergänge ideal zur Geltung. Dass Flórez wie viele andere auch darstellerisch alles gibt und Selbstironie einstreut, ist doppelt erfreulich.

Nicht minder überragend: Bassist Ildar Abdrazakov als vokal mächtiger, unglaublich komödiantischer Don Basilio; und Bariton Étienne Dupuis als ein in jeder Hinsicht quirliger Figaro. Das macht Spaß.

Mir der russischen Mezzosopranistin Vasilisa Berzhanskaya hat das Haus am Ring eine überaus aparte Rosina aufgeboten, die in ihren Szenen und Arien überzeugt.

Solide agiert der italienische Bassbariton Paolo Bordogna in der Rolle des letztlich von allen übertölpelten Bartolo.

Die kleineren Rollen sind brav besetzt; der Chor erfüllt seine Aufgabe souverän. Ein Ereignis aber Ruth Brauer-Kvam, die als eine Art stummer Spielführer eine fantastische Körperarbeit bietet. Das ist Hochleistungssport!

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