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Bono gegen "Goliath" Trump: So sind die neuen U2-Protestsongs

Die überraschend veröffentlichte EP "Days of Ash" birgt musikalisch wenige Überraschungen, aber viel Sendungsbewusstsein.
FRANCE-FILM-FESTIVAL-CANNES

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Da muss auch Bono von U2, den viele bereits zum Fossil der ausgestorben geglaubten Spezies "Der Popstar als politisch engagierter Mahner" erstarrt glaubten, aus dem Marmorblock heraussteigen und als schöner David den Kampf gegen den grauslichen Philister Goliath aufnehmen: 

"I woke up made of marble/ A sheperd boy in shock / Michelangelo release me / from a single block".

So heißt es im Titel "The Tears of Things". Es ist der zweite Song auf der EP "Days of Ash", die U2 - mit untrüglichem Gespür für die Wucht biblischer Metaphern und christlicher Symbolik - am Tag nach dem Aschermittwoch relativ überraschend auf den Markt warfen: Schluss mit der Narretei, es ist Zeit, Buße zu tun, umzukehren und den rechten Weg wieder zu finden. Vielleicht nicht "with God on our side", wie Bob Dylan sang, aber mit dem Guten und Schönen (Michelangelo!) im Rücken. 

Tatsächlich aber ist das Beben, das den guten Hirten der irischen Pop-Institution U2 aufrüttelte, durchaus der aktuellen Politik geschuldet. Wie zuletzt Bruce Springsteen ("Streets of Minneapolis") sehen auch U2 die aktuellen Entwicklungen in der Welt mit großer Sorge und besinnen sich auf ihre Kernkompetenz: Mit hymnischen Songs, klanglicher Wucht und klaren Botschaften Massen zu mobilisieren und dabei Demokratie, Menschlichkeit und Zusammenhalt zu beschwören, ist das ureigene Metier von Sänger Bono, Gitarrist The Edge, Bassist Adam Clayton und Drummer Larry Mullen Jr

Auf "American Obituary" ("Amerikanischer Nachruf"), dem Opener der Veröffentlichung, die insgesamt fünf Songs und ein Sprechstück umfasst, geht es dann auch um die Vorfälle in Minneapolis. Die von der Behörde ICE getötete Renée Good wird namentlich genannt ("American mother of three"), der Song steigert sich in U2-typischer Manier hin zu einem Sprechchor, der schon für Straßenproteste maßgeschneidert scheint und die Macht des Volkes über das Volk der Mächtigen stellt: 

"The Power of the People is so much stronger than the people in power."

Dass U2 ihre musikalische Komfortzone nicht verlassen und zu manchmal gar platten Reimen greifen ("I love you more / than hate loves war") kann man mit dem Argument "...aber wenn's dem guten Zweck dient" natürlich wegwischen. 

Die EP bleibt grundsätzlich in recht vorhersehbaren Bahnen, deckt aber ziemlich das gesamte U2-Spektrum ab:  Auf den von Akustikgitarren getragenen, von der klagenden Ballade zur Hymne anschwellenden Titel "Tears of Things" folgt mit "Song of the Future" der vielleicht eingängigste Titel, für den The Edge das Thema des "Millennial Whoop" nochmal auspackt und Bono Ohrwurmmotive nach bester U2-Manier aufschichtet. 

Iran und Israel als Themen

Die Hookline "Sarina, Sarina" bezieht sich dabei auf die Iranerin Sarina Esmailzadeh, die bei den "Frau, Leben, Freiheit"-Protesten 2022 zu Tode kam. Die Iranerin Jina Mahsa Amini, die diese Proteste auslöste, weil sie nach einem angeblichen Sittenverstoß von iranischen Behörden umgebracht wurde, wird in den mitgelieferten Textteil als Inspiration gewürdigt. 

Namentlich genannt wird auch der palästinensische Filmemacher Awdah Hathaleen, der 2025 von einem radikalen jüdischen Siedler im Westjordanland erschossen wurde. Der Vorfall, nach dem der Leichnam des Getöteten vom israelischen Militär beschlagnahmt wurde, hatte für breite Empörung gesorgt: Mit den Zeilen "If there's no law there is no crime" im Song "One Life At A Time" schaffen U2 ihm nun ein düsteres musikalisches Denkmal.

Mit "Yours Eternally" setzen die Musiker dann einen fast unverschämt gut gelaunten, hart auf Mitsingbarkeit getrimmten Schlusspunkt. Mit verantwortlich dafür ist niemand geringerer als Ed Sheeran, der Bono den Rang als großer Massen-Animator und zentrale Ohrwurmschleuder des Popbusiness seit einiger Zeit abgelaufen hat, beim Begriff "Sendungsbewusstsein" aber vermutlich etwas häufiger an die Radiotauglichkeit von Melodien denkt. 

Auf "Yours Eternally" finden sich die Kräfte nun in einem etwas gar hymnischen Titel vereint. Vor dem geistigen Auge stehen Coldplay-Sänger Chris Martin und Sting dabei hinter dem Vorhang der Stadionbühne und lugen etwas neidisch hervor. Die Genannten haben bis dato noch keine Polit-Songs veröffentlicht. Aber Überraschungen sind bekanntlich jederzeit möglich. 

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