Ein Virtuose, der entlang von Bachs Sonaten immer höher klettert
Die Zeitrechnung des modernen Mandolinenspiels teilt sich in eine Zeit vor und eine Zeit seit Chris Thile: Der heute 45-jährige US-Amerikaner hat das Spektrum seines Instruments seit seinen Anfängen als Wunderkind der Bluegrass-Szene kontinuierlich erweitert.
Johann Sebastian Bachs „Sonaten und Partiten für Violine solo“ (BWV 1001-1006), um 1720 entstanden, sind wiederum seit jeher Vorlagen dafür, wie ein einzelnes Instrument über sich selbst hinauswachsen kann. Thile hat die sechs Stücke für die Mandoline adaptiert; die jüngst erschienene zweite Aufnahme des Langzeitprojekts war Rückgrat für die fulminante Solodarbietung, mit der Thile am Samstag beim Auftakt des „Imago Dei“-Festivals in Krems sein Publikum begeisterte.
Bach mit Groove
Eine Herausforderung in der Übertragung der Violinkompositionen liegt dabei darin, dass die Mandoline, wiewohl gleich gestimmt wie das Streichinstrument, keine langen Töne hervorbringt.
Thiles glasklares Spiel, das in der Kremser Dominikanerkirche einen famosen Resonanzraum fand, betonte aber nicht nur aus Notwendigkeit, sondern auch aus einer musikalischen Grundhaltung heraus die perkussiven, tänzerischen Elemente (dass Thiles typischer Körpereinsatz - mitsamt stampfenden Füßen - manchmal gar stark widerhallte, trübte die Freude nur minimal).
Gleichwohl setzte sich der Virtuose mit präziser Dynamik, Flageoletttönen und anderen Tricks der Tonbildung über Limits des Instruments hinweg.
Der komplexe, dabei auf eingängige Motive bauende Spannungsaufbau der Bach-Sonaten fand in Thiles eigenen Stücken eine stimmige Fortsetzung.
In "The Fox", ein Song seiner ersten Band Nickel Creek, trieb er den Einsatz seiner Mandoline als Rhythmusinstrument am weitesten; das Lied - textlich eine Variation des "Fuchs, du hast die Gans gestohlen", musikalisch eine rasante Bluegrass-Pop-Etüde - wurde in Krems rhythmisch regelrecht zerstäubt, ohne dass die Groove dabei außer Sichtweite geriet.
Eine Coverversion des Radiohead-Songs „Paranoid Android“ zelebrierte Thile, Charismatiker und als ehemaliger Host der Musikshow "Live From Here" auch ein exaltierter Showman - dann als Wunschkonzert-Spielshow.
Die Aufschichtung und Verschränkung von Motiven und Variationen, die die britischen Pop-Avantgardisten auszeichnet, schien dabei ebenso wenig weit vom Bach-Repertoire entfernt wie Thiles eigene, mitunter mäandernde Liedkompositionen. Einfach und komplex, Folk, Pop und Barock sind im Kosmos des Stars keine Gegensätze, die es überbrücken gilt – sie greifen in uhrwerkartiger Präzision ineinander. Das Publikum staunte und jubelte.
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