„Castor et Pollux" in Graz: Von der Selbstlosigkeit zweier Brüder

Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ wurde am Opernhaus in Graz umjubelt.
Nikita Ivasechko (li.) und Daeho Kim; Sébastian Monti und Sieglinde Feldhofer (sitzend).

„Tristes apprets“ („Schmerzliche Vorkehrungen“): Zweifellos ist diese Trauerarie das zentrale und schönste Gesangsstück der gesamten Oper „Castor et Pollux“ von Jean-Philippe Rameau.

Und sie wirkt umso mehr, wenn sie so rein und mit so betörenden Piani gesungen wird, wie von Sieglinde Feldhofer, als sie als von den Zwillingsbrüdern umschwärmte Télaïre ihren geliebten, toten Mann Castor in den Armen hält. Sein Bruder Pollux darf ihn dann zwar aus der Unterwelt befreien, um ihn wieder mit Télaïre zu vereinen. Castor kehrt jedoch nur für einen Tag in das Reich der Lebenden zurück und kann seine Geliebte wiedersehen. Vor dem neuerlichen schmerzvollen Abschied zeigt jedoch sein Vater Jupiter Erbarmen und erhebt die Brüder gemeinsam zum Sternbild der Zwillinge.

Bei dieser mythischen, antiken Geschichte geht es um die Selbstlosigkeit zweier Brüder, die Jean-Philippe Rameau in seiner dritten Oper vertonte. Die Uraufführung der Tragédie en musique fand 1737 erfolgreich in Paris statt. Jetzt zeigt man das Werk am Grazer Opernhaus in der zweiten, kürzeren Fassung ohne Prolog von 1754 und gekürzt auf etwa zwei Stunden. Für die Realisierung der Musik mit reicher Harmonik und vielen Klangfarben sowie verschwenderischen Melodien sorgen die stilsicher musizierenden Grazer Philharmoniker unter Bernhard Forck.

Spezialist für Alte Musik

Der ausgesprochene Spezialist für Alte Musik hat diese, wie wohl mit modernen Instrumenten spielend zu einem Barockorchester geformt und lässt sie mit feiner Eleganz und vielfältiger Rhythmik musizieren. Für die Bewältigung der zum Teil hochvirtuosen Gesangslinien sorgt ein qualitätsvolles, stilkundiges Ensemble: Neben Sieglinde Feldhofer als umschwärmte Télaïre punkten ihre Gegenspielerin Sofia Vinnik als exzessive und furiose Phébé. Sébastian Monti ist ein Castor mit kleinem, aber höhensicherem Tenor, Nikita Ivasechko ein mächtiger Pollux, dessen Bariton jedoch in der Tiefe etwas knorrig wirkt.

Beeindruckend teils auch in mehreren, kleineren Rollen: Daeho Kim als mächtig auftrumpfender Jupiter, Franz Gürtelschmied, Willi Frost und Ekaterina Solunya.

Fast immer homogen singt der spielfreudige Chor des Hauses. Dieser wie auch alle anderen Protagonisten sind ständig und geschmackvoll durchchoreografiert, unterstützt von vier Tänzerinnen und Tänzern, wie Tanz ja früher immer Bestandteil der französischen Oper war.

Dafür sorgt Nanine Linning in ihrer Inszenierung und Choreografie, die damit gekonnt stets die Gefühle der Betroffenen auch gestisch intensiv und elegant zum Ausdruck bringt. Einzelne, schroffe Felsmonolithen (Bühne: Van Veen & Mus), dezente, teils irreale Projektionen, wie auch geschmackvolle, weite, fließende Kostüme (Irina Shaposhnikova), alles meist in Blautönen gehalten, und die dunklen Lichtstimmungen tragen ebenso insgesamt zur besonders gelungenen Ästhetik bei, wobei der Olymp farbiger und die Unterwelt düster dargestellt werden. Jubelnder Beifall!

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