Wenn eine Domina Klimts Meisterwerke geißelt

Die Künstlerin Reba Maybury übt in der Secession bissige Kritik am Jugendstil - und bedient sich dabei unterwürfiger Männer.
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„Sexarbeit befeuert bis heute die Tourismuswirtschaft“, findet Reba Maybury.

Die britische Künstlerin, 1990 geboren, denkt allerdings nicht an Sextourismus an fernen Orten. Sie findet sich daran erinnert, wenn sie am Schwechater Flughafen von Gustav Klimts „Kuss“ empfangen wird.

Während das Image von Paris eng mit den Darstellungen von Moulin-Rouge-Tänzerinnen von Henri Toulouse-Lautrec oder Bordellszenen von Edgar Degas verknüpft ist, sei in Wien der Jugendstil von Prostitution durchtränkt, sagt Maybury: Gerade Gustav Klimt fand seine Modelle oft unter Sexarbeiterinnen, zeugte mit mehreren Frauen Kinder und fing sich durch Kontakt mit Prostituierten möglicherweise die Syphilis ein (die Details dazu sind umstritten). 

Gleichwohl gilt der Wiener Jugendstil als feinsinnig erotisch, ja feminin, was aus Mayburys Sicht nur eine weitere Form der Aneignung durch Männer war: „Die Misogynie ist hier überall eingebacken“, sagt sie.

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Es hilft, zu wissen, dass Maybury selbst Sexarbeiterin ist: Unter dem Namen „Mistress Rebecca“ erfüllt sie entsprechend gestimmten Männern den Wunsch nach Unterwerfung. 

Seit einigen Jahren nutzt die „Herrin“ ihre Kunden auch für ihre Kunst. So müssen diese Bilder, die Maybury in ein „Malen nach Zahlen“-Muster übersetzt, ausführen. Die Idee dahinter ist, die Vorstellung vom bildnerischen Einfallsreichtum eines (meist männlichen) Genies in ein möglichst stupides Gegenteil zu verkehren.

Reiben an Loos und Klimt

Im Vorjahr brachte Maybury in einer Schau ihrer Kollegin Lucy McKenzie ein Werk des Architekten Adolf Loos – dessen pädophile Umtriebe lange unter den Tisch gekehrt wurden – an die Wand des Kunstraums FJK 3. Nun hat sie Gustav Klimts „Beethovenfries“ in der Secession nach dem „Malen nach Zahlen“-Muster klein reproduzieren lassen. Wobei die Nachbildung auch als simples Architekturmodell durchgehen könnte. Das Versteckspiel, sagt Maybury, sei beabsichtigt.

Auch an anderen Orten der Secession schleuste die gern im Fuchspelzmantel auftretende Künstlerin kurz vor dem Internationalen Frauentag subversive Zeichen ein: So schwebt über dem Kassenraum unterhalb des „Krauthappels“ eine gläserne Decke. Auf den Glasplatten sind Kuss-Spuren sichtbar – sie stammen von einem unterwürfigen Mitarbeiter („Sub“), der für das mit Blick auf Klimt „Der Kuss“ genannte Werk an die Decke klettern musste.

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Auf die Fassade schmuggelte Maybury in Jugendstil-Schriftzügen Worte wie „IAmTheMan“ oder „AlmostGod“: Nicknames, mit denen Wiener Männer in Online-Foren über Prostituierte diskutierten. Maybury wählte davon zwölf aus – entsprechend der zwölf Gründungsmitglieder der Secession. Zwölfmal hieß die Domina auch einen „Sub“ im Grafischen Kabinett der Secession die Hosen runterzulassen: Die resultierenden Kleiderhaufen vollenden die Attacke auf die einst männerbündlerische Vereinigung, über die das Publikum aber doch auch lachen soll. Zumindest will das die Domina so.

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