Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

America, nicht beautiful: Die Ausstellung, die die USA inoffiziell repräsentiert

Die Schau „Helter Skelter“ in Venedig paart Richard Prince und Artur Jafa, die tief im zwiespältigen Symbolfundus Amerikas graben.
46-226898007

Nicht nur am Geburtstag soll alles schön herausgeputzt sein: Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit arbeitet US-Präsident Donald Trump an einer reingewaschenen Geschichtserzählung der USA. So wurde 2025 ein drastisches Foto aus dem Jahr 1863, das den geschundenen Körper eines ehemaligen Sklaven zeigt, aus den Infobereichen von Nationalparks entfernt.

Artur Jafa hat das Foto bereits 2017 als Skulptur nachgebildet. Das Objekt – der Rücken ist in etwa lebensgroß – hängt nun in den Räumen der Fondazione Prada, dem zum Kunstschauplatz umgestalteten Palazzo Ca’Corner in Venedig neben Objekten, Collagen und Fotos des Starkünstlers Richard Prince.

46-226898072

Unter die Haut

Während der offizielle US-Pavillon bei der Biennale mit harmlosen Werken des Bildhauers Alma Allen von der Kunstwelt heuer weitgehend ignoriert wurde, etablierte sich die Schau „Helter Skelter“ schnell als Must-See abseits der Biennale. Denn hier wird nicht nur der brisante, oft abseitige Bildervorrat aufgekocht, der in Trumps Amerika-Vision keinen Platz hat: Mit Prince und Jafa treffen sich auch Exponenten zweier kultureller Sphären der USA.

Prince, dem derzeit auch eine große Solo-Schau in der Wiener Albertina gewidmet ist, stammt aus dem intellektuellen New Yorker Milieu. Der Afroamerikaner Jafa, in Tupelo/Mississippi geboren, drehte HipHop-Videos für Jay-Z und andere Stars, bevor er als Künstler reüssierte.

Im exakten Blick auf die populäre Kultur und im hemmungslosen Zitieren und Aneignen (im Kunstjargon „Appropriation“, im HipHop „Sampling“) treffen beide einander. Es ist der Kuratorin Nancy Spector zu danken, daraus eine fulminante Ausstellung gemacht zu haben.

Working for the man

Schnell wird in der Schau nämlich deutlich, wie sich Prince und Jafa nicht nur in der Methode, sondern auch in der Motivik begegnen. Da wäre etwa die amerikanische Obsession mit Autos und Motoren, die sich bei Jafa in einem riesigen Truck-Reifen äußert, der im venezianischen Palazzo mit Blick auf den Canal Grande postiert ist.

46-226898028

Die Symbolik schickt schon auf eine Reise durch Amerikas Historie: der Reifen ist in Ketten gelegt wie einst die Körper von Sklaven, der Titel „Big Wheel“ könnte auf die Schufterei anspielen, die etwa John Fogertys Song „Proud Mary“ beschreibt.

Das Werk von Richard Prince nebenan – ein hängendes Riesending aus zerteilten, geschichteten Autoreifen – heißt „Folk Song“, es sieht aus wie eine seltsame Frucht. Der Song „Strange Fruit“, durch Billie Holiday berühmt geworden, bezog sich wiederum auf die Körper gelynchter Schwarzer, die an Bäumen hingen. Die Mörder posierten einst neben diesen Leichen, Fotos davon wurden wie Jagdtrophäen herumgereicht.

46-226898012

Jafa kombiniert ein solches visuelles Zeugnis mit dem Bild einer afroamerikanischen Gang – der Titel der Collage ist wieder ein Songzitat und stammt von James Brown: „I Don’t Care About Your Past, I Just Want Our Love to Last“ („Ich interessiere mich nicht für deine Vergangenheit, ich will nur, dass unsere Liebe hält“).

Zitate aus der Hölle

Der „Remix“ ist hier nie nur popkulturelle Spielerei. Und er lädt auch Richard Princes Aneignungen mit einer neuartigen Dringlichkeit auf: Seine verwaschenen Bilder von Sexarbeiterinnen und die trashigen Bilder von Motorradbräuten, die man teils auch in der Wiener Prince-Schau zu sehen bekommt, erscheinen als Oberflächen, unter denen ein Abgrund lauert.

46-226898149

Auch der Ausstellungstitel reißt einen Abgrund auf: „Helter Skelter“ war zunächst der Name einer Vergnügungsparkrutsche, später ein Begriff für Chaos wie „Tohuwabohu“ – und ein Beatles-Song (1968). Die Mörderbande um Charles Manson (1934 – 2017) eignete sich den Titel an und wollte damit einen Rassenkrieg provozieren, in dem Weiße und Schwarze einander auslöschen.

Ein gereinigtes Bild Amerikas ergibt sich daraus nicht. Doch um der Gegenwart zu begegnen, ist es sinnvoll, zu sehen, was unter der Oberfläche brodelt. Selten ist der Blick so klar wie hier.

Kommentare