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Fotografie aus dem Grenzbereich von Kunst und Obsession

Die Schau „Photo / Brut“ im Foto Arsenal Wien öffnet die Tür zu faszinierenden Bildern und Geschichten hinter dem kreativen Drang.
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Günther M. protokollierte die Affäre mit seiner jungen Sekretärin äußerst genau.

„Um 15.30 im Bett und erster GV (=Geschlechtsverkehr, Anm.), etwas hinausgezögert“, hielt er am 6. 12. 1970 auf einer Maschinschreibseite fest. „Sehr lieb und anschmiegsam“. Ein zweiter „GV“ sollte folgen.

Herr M. fotografierte seine Geliebte auch häufig: Margret, so ihr Name, eine schlanke Frau mit Bienenkorb-Frisur, posierte für ihn manchmal mondän mit Zigarette und modischen Kleidern, dann wieder leicht bekleidet. Gelegentlich fotografierte Günther M. auch nur das leere Bett nach ihren Begegnungen. Dazu sammelte er Rechnungen und Prospekte der Orte, an denen sie einander begegneten – ein gutbürgerliches Hotel, ein Gasthaus im Südsauerland.

Nun liegt dieses Zeugnis von Leidenschaft, Normverletzung und Spießigkeit in einer Ausstellungsvitrine. Kunst? Nicht wirklich. Dokument einer asymmetrischen Beziehung? Oder Spiegel für die Ekelfaszination, die Einblicke in intime Obsessionen im Zeitalter geleakter Chatprotokolle auslösen?

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Felix Hoffmann, Leiter des Wiener „Foto Arsenal“, sieht die Ausstellung „Photo / Brut“ als Raum, um über solche Grenzziehungen nachzudenken und „die eigene Position als Voyeure auszuhandeln“. Die Exponate stammen aus der Privatsammlung des französischen Filmemachers Bruno Decharme, der sich seit Jahrzehnten der „Art Brut“ verschrieben hat: Der Dachbegriff vereint generell Werke, die von Menschen außerhalb des Kunstkontexts angefertigt wurden.

Abseits der Kunst

Häufig sind es Personen mit psychischen Auffälligkeiten, aber nicht ausschließlich. Günther M. war offenbar ein erfolgreicher Geschäftsmann. Der Pole Tomasz Machciński (1942–2022) wiederum arbeitete als Automechaniker. Daneben fotografierte er sich in allen erdenklichen Posen selbst: Eine Auswahl seiner mehr als 22.000 Fotos zeigt ihn als Papst, als Mutter Teresa oder als Nazi-General.

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Oft liegen traumatische Erfahrungen an der Wurzel einer bildnerischen Obsession: Tomasz Machciński etwa glaubte lange, dass die Hollywood-Schauspielerin Joan Tompkins, von der er als Kind eine Autogrammkarte erhalten hatte, seine Mutter sei – und stürzte in eine Krise, als er spät erfuhr, dass seine tatsächliche Mutter an Tuberkulose gestorben war. Marcel Bascoulard hatte wiederum den Umstand zu verkraften, dass seine Mutter einst seinen Vater ermordet hatte. Sein bildnerisches Werk bestand darin, sich selbst immer wieder in Frauenkleidern zu fotografieren.

Während Protagonisten wie Cindy Sherman oder Jürgen Klauke im Kunstsystem mit vergleichbaren Strategien Anerkennung erlangten, bleibt die „Entdeckung“ von Personen, die aus nicht künstlerischem Antrieb Bildwerke schaffen, oft Zufall – oder die Sache eines mittlerweile gut ausgeprägten Kunstmarktsektors mit eigenen Galerien, Messen und Ausstellungsformaten. Das ist nicht per se verwerflich, da so Menschen einen Zugang zu Sichtbarkeit und auch zu Geld bekommen, der ihnen sonst verwehrt bliebe. Der Blick auf mögliche Ausbeutungsszenarien will bei „Art Brut“ aber immer mitgedacht werden.

Horst Ademeit/Bruno Decharme Collection

Ist das echt?

Im Foto-Arsenal drängt sich noch eine andere Frage auf. Denn die Echtheit der wundersamen Biografien und Obsessionen ist primär durch das Material verbürgt. Bekritzelte Polaroid-Fotos (von Horst Ademeit, der „kalte Strahlung“ nachweisen wollte), überarbeitete Zeitungsausschnitte (von Leopold Strobl, der es aus Gugging zur Venedig-Biennale 2024 schaffte) oder aus Pornomagazin-Schnipseln geleimte Zigarettenspitze (von Kazuo Handa, der letztlich an Lungenkrebs verstarb) vermitteln eine Dimension, die im Digitalen abhandenzukommen droht. Günther M. hätte heute wohl bemerkt, welche Konsequenzen die Lust auf sexy Fotos einer jüngeren Frau nach sich ziehen kann – und seinen Chatverlauf gelöscht.

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